II-II, q. 153 a. 1
Ob der Gegenstand der Unkeuschheit nur geschlechtliche Begierden und Vergnügungen sind?
Quaestio 153 · Von der Wollust
Einwand 1: Es scheint, dass der Gegenstand der Unkeuschheit nicht nur geschlechtliche Begierden und Vergnügungen sind. Denn Augustinus sagt (Confess. ii, 6), dass „die Unkeuschheit begehrt, Sättigung und Überfluss genannt zu werden.“ Sättigung aber bezieht sich auf Speise und Trank, Überfluss hingegen auf Reichtümer. Also handelt die Unkeuschheit nicht eigentlich von geschlechtlichen Begierden und Vergnügungen.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Spr 20,1): „Der Wein ist eine unkeusche [Vulgata: ‚luxuriosa‘] Sache.“ Nun steht der Wein in Verbindung mit dem Vergnügen an Speise und Trank. Daher scheinen diese der Gegenstand der Unkeuschheit zu sein.
Einwand 3: Ferner wird die Unkeuschheit definiert als „das Verlangen nach ausschweifendem Vergnügen“ [*Alexander von Hales, Summ. Theol. ii, cxvli]. Aber ausschweifendes Vergnügen betrifft nicht nur geschlechtliche Dinge, sondern auch viele andere. Also bezieht sich die Unkeuschheit nicht nur auf geschlechtliche Begierden und Vergnügungen.
Dagegen spricht, dass zu den Unkeuschen gesagt wird (De Vera Relig. iii [*Geschrieben von Hl. Augustinus]): „Wer im Fleische sät, wird vom Fleische Verderben ernten.“ Das Säen im Fleische aber bezieht sich auf geschlechtliche Vergnügungen. Also gehören diese zur Unkeuschheit.
Ich antworte darauf, dass, wie Isidor sagt (Etym. x), „ein Unkeuscher jener ist, der durch Vergnügungen aufgelöst ist.“ Nun lösen geschlechtliche Vergnügungen den Geist des Menschen am meisten auf. Daher befasst sich die Unkeuschheit vornehmlich mit derartigen Vergnügungen.
Antwort auf Einwand 1: Wie die Mäßigkeit sich hauptsächlich und eigentlich auf die Vergnügungen des Tastsinns bezieht, aber folglich und durch eine gewisse Ähnlichkeit auch auf andere Dinge bezogen wird, so bezieht sich auch die Unkeuschheit hauptsächlich auf geschlechtliche Vergnügungen, welche mehr als alles andere die größte Zerrüttung im Geiste des Menschen bewirken; sekundär jedoch bezieht sie sich auf alle anderen Dinge, die zum Übermaß gehören. Daher sagt eine Glosse zu Gal 5,19: „Unkeuschheit ist jede Art von Sättigung.“
Antwort auf Einwand 2: Der Wein wird eine unkeusche Sache genannt, entweder in dem Sinne, in dem Sättigung in irgendeiner Sache der Unkeuschheit zugeschrieben wird, oder weil der Gebrauch von zu viel Wein einen Anreiz zu geschlechtlichem Vergnügen bietet.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl ausschweifendes Vergnügen auch auf andere Dinge zutrifft, hat der Name Unkeuschheit eine besondere Anwendung auf geschlechtliche Vergnügungen, auf welche auch die Ausschweifung besonders anwendbar ist, wie Augustinus bemerkt (De Civ. Dei xiv, 15,16).