II-II, q. 153 a. 5
Ob die Töchter der Unkeuschheit passend beschrieben werden?
Quaestio 153 · Von der Wollust
Einwand 1: Es scheint, dass die Töchter der Unkeuschheit unpassend als „Verblendung des Geistes, Unbesonnenheit, Unbeständigkeit, Voreiligkeit, Selbstliebe, Gotteshaß, Liebe zur gegenwärtigen Welt und Abscheu oder Verzweiflung an der zukünftigen Welt“ gerechnet werden. Denn geistige Verblendung, Unbesonnenheit und Voreiligkeit gehören zur Unklugheit, die in jeder Sünde zu finden ist, so wie Klugheit in jeder Tugend ist. Daher sollten sie nicht speziell als Töchter der Unkeuschheit gerechnet werden.
Einwand 2: Ferner wird Beständigkeit als ein Teil der Tapferkeit gerechnet, wie oben dargelegt (Quaestio [128], ad 6; Quaestio [137], Artikel [3]). Aber Unkeuschheit ist nicht der Tapferkeit entgegengesetzt, sondern der Mäßigkeit. Daher ist Unbeständigkeit keine Tochter der Unkeuschheit.
Einwand 3: Ferner ist „Selbstliebe, die bis zur Verachtung Gottes reicht“, der Ursprung jeder Sünde, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 28). Daher sollte sie nicht als eine Tochter der Unkeuschheit angesehen werden.
Einwand 4: Ferner erwähnt Isidor [*Quaest. in Deut., qu. xvi] vier, nämlich „obszönes“, „possenspielerisches“, „ausschweifendes“ und „törichtes Geschwätz“. Dort scheint die vorgenannte Aufzählung überflüssig zu sein.
Dagegen spricht die Autorität Gregors (Moral. xxxi, 45).
Ich antworte darauf, dass, wenn die niederen Kräfte stark auf ihre Objekte hin bewegt werden, das Ergebnis ist, dass die höheren Kräfte in ihren Akten gehindert und ungeordnet werden. Nun ist die Wirkung des Lasters der Unkeuschheit, dass das niedere Begehren, nämlich das begehrliche, am heftigsten auf sein Objekt gerichtet ist, nämlich das Objekt des Vergnügens, wegen der Heftigkeit des Vergnügens. Folglich werden die höheren Kräfte, nämlich die Vernunft und der Wille, durch Unkeuschheit am schwersten in Unordnung gebracht.
Nun hat die Vernunft vier Akte in Angelegenheiten des Handelns. Erstens gibt es das einfache Verstehen, das ein Ziel als gut erfasst, und dieser Akt wird durch Unkeuschheit gehindert, gemäß Dan 13,56: „Die Schönheit hat dich betrogen, und die Begierde hat dein Herz verkehrt.“ In dieser Hinsicht haben wir „Verblendung des Geistes“. Der zweite Akt ist der Rat darüber, was um des Zieles willen zu tun ist: und dieser Akt wird ebenfalls durch die Begierlichkeit der Unkeuschheit gehindert. Daher sagt Terenz (Eunuch., Akt 1, Sz. 1), indem er von lüsterner Liebe spricht: „Diese Sache lässt weder Rat noch Mäßigung zu, du kannst sie nicht durch Ratschläge kontrollieren.“ In dieser Hinsicht gibt es „Voreiligkeit“, welche die Abwesenheit von Rat bezeichnet, wie oben dargelegt (Quaestio [53], Artikel [3]). Der dritte Akt ist das Urteil über die zu tuenden Dinge, und auch dieses wird durch Unkeuschheit gehindert. Denn es wird von den unkeuschen alten Männern gesagt (Dan 13,9): „Sie verkehrten ihren eigenen Sinn ... damit sie sich nicht ... an gerechte Urteile erinnerten.“ In dieser Hinsicht gibt es „Unbesonnenheit“. Der vierte Akt ist der Befehl der Vernunft über die zu tuende Sache, und auch dieser wird durch Unkeuschheit behindert, insofern ein Mensch, indem er von der Begierlichkeit fortgerissen wird, daran gehindert wird, das zu tun, was seine Vernunft zu tun befahl. [Hierauf muss „Unbeständigkeit“ bezogen werden.] [*Der Satz in Klammern fehlt in der Leonina-Ausgabe.] Daher sagt Terenz (Eunuch., Akt 1, Sz. 1) von einem Mann, der erklärte, er würde seine Geliebte verlassen: „Eine kleine falsche Träne wird jene Worte ungeschehen machen.“
Auf Seiten des Willens resultiert ein zweifacher ungeordneter Akt. Einer ist das Verlangen nach dem Ziel, worauf wir „Selbstliebe“ beziehen, welche das Vergnügen betrifft, das ein Mensch ungeordnet begehrt, während es andererseits „Gotteshaß“ gibt, aufgrund Seines Verbotes des begehrten Vergnügens. Der andere Akt ist das Verlangen nach den Dingen, die auf das Ziel gerichtet sind. In Bezug hierauf gibt es „Liebe zur gegenwärtigen Welt“, deren Vergnügungen ein Mensch zu genießen begehrt, während es andererseits „Verzweiflung an der zukünftigen Welt“ gibt, weil er, indem er durch fleischliche Vergnügungen zurückgehalten wird, sich nicht darum sorgt, geistliche Vergnügungen zu erlangen, da sie ihm zuwider sind.
Antwort auf Einwand 1: Gemäß dem Philosophen (Ethic. vi, 5) ist die Unmäßigkeit das, was die Klugheit hauptsächlich verdirbt: weshalb die der Klugheit entgegengesetzten Laster hauptsächlich aus der Unkeuschheit entstehen, welche die vornehmste Art der Unmäßigkeit ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Beständigkeit, die ein Teil der Tapferkeit ist, betrifft Mühsale und Objekte der Furcht; aber Beständigkeit im Enthalten von Vergnügungen gehört zur Enthaltsamkeit, die ein Teil der Mäßigkeit ist, wie oben dargelegt (Quaestio [143]). Daher ist die Unbeständigkeit, die ihr entgegengesetzt ist, als eine Tochter der Unkeuschheit zu rechnen. Nichtsdestoweniger entsteht sogar die erstgenannte Unbeständigkeit aus der Unkeuschheit, insofern letztere das Herz eines Mannes schwächt und es verweichlicht, gemäß Hos 4,11: „Unzucht und Wein und Trunkenheit nehmen das Herz [Vulgata: ‚Verstand‘] weg.“ Auch Vegetius sagt (De Re Milit. iii), dass „je weniger ein Mensch von den Vergnügungen des Lebens weiß, desto weniger er den Tod fürchtet.“ Auch ist es nicht nötig, wie wir wiederholt festgestellt haben, dass die Töchter eines Hauptlasters mit ihm in der Materie übereinstimmen (vgl. Quaestio [35], Artikel [4], ad 2; Quaestio [118], Artikel [8], ad 1; Quaestio [148], Artikel [6]).
Antwort auf Einwand 3: Selbstliebe in Bezug auf irgendwelche Güter, die ein Mensch für sich selbst begehrt, ist der gemeinsame Ursprung aller Sünden; aber in dem speziellen Punkt des Begehrens fleischlicher Vergnügungen für sich selbst wird sie als eine Tochter der Unkeuschheit gerechnet.
Antwort auf Einwand 4: Die von Isidor erwähnten Sünden sind ungeordnete äußere Akte, die hauptsächlich zur Rede gehören; worin es eine vierfache Unordnung gibt. Erstens aufgrund der Materie, und hierauf beziehen wir „obszöne Worte“: denn da „aus der Fülle des Herzens der Mund spricht“ (Mt 12,34), bricht der unkeusche Mann, dessen Herz voll von lüsternen Begierden ist, leicht in lüsterne Worte aus. Zweitens aufgrund der Ursache: denn da Unkeuschheit Unbesonnenheit und Voreiligkeit verursacht, ist das Ergebnis, dass sie einen Menschen sprechen lässt, ohne seine Worte abzuwägen oder ihnen einen Gedanken zu schenken, welche als „possenspielerisch“ beschrieben werden. Drittens aufgrund des Ziels: denn da der unkeusche Mann Vergnügen sucht, richtet er seine Rede darauf, und so gibt er „ausschweifenden Worten“ Ausdruck. Viertens aufgrund der durch seine Worte ausgedrückten Gesinnungen, denn indem sie Verblendung des Geistes verursacht, verkehrt die Unkeuschheit die Gesinnungen eines Menschen, und so gibt er sich „törichtem Geschwätz“ hin, zum Beispiel indem er eine Vorliebe für die Vergnügungen, die er begehrt, gegenüber allem anderen ausdrückt.