II-II, q. 152 a. 5
Ob die Jungfräulichkeit die größte der Tugenden ist?
Quaestio 152 · Von der Jungfräulichkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Jungfräulichkeit die größte der Tugenden ist. Denn Cyprian sagt (De Virgin. [*De Habitu Virg.]): „Wir wenden uns nun an die Jungfrauen. Erhaben ist ihr Ruhm, aber nicht weniger hoch ist ihre Berufung. Sie sind eine Blume aus der Saat der Kirche, der Stolz und die Zierde geistlicher Gnade, der geehrteste Teil von Christi Herde.“
Einwand 2: Ferner gebührt der größeren Tugend ein größerer Lohn. Nun gebührt der Jungfräulichkeit der größte Lohn, nämlich die hundertfältige Frucht, gemäß einer Glosse zu Mt 13,23. Also ist die Jungfräulichkeit die größte der Tugenden.
Einwand 3: Ferner, je mehr eine Tugend uns Christus gleichgestaltet, desto größer ist sie. Nun gestaltet uns die Jungfräulichkeit vor allem Christus gleich; denn es wird in der Offenbarung 14,4 erklärt, dass Jungfrauen „dem Lamm folgen, wohin es auch geht“, und (Offb 14,3), dass sie „ein neues Lied“ singen, das „kein“ anderer „Mensch“ sagen konnte. Also ist die Jungfräulichkeit die größte der Tugenden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Virgin. xlvi): „Niemand, so denke ich, würde wagen, die Jungfräulichkeit dem Martyrium vorzuziehen“, und (De Virgin. xlv): „Die Autorität der Kirche unterrichtet die Gläubigen in nicht unsicherer Weise, sodass sie wissen, an welchem Ort die Märtyrer und die heiligen Jungfrauen, die aus diesem Leben geschieden sind, im Sakrament des Altars kommemoriert werden.“ Hierdurch wird uns zu verstehen gegeben, dass das Martyrium und auch der Mönchsstand der Jungfräulichkeit vorzuziehen sind.
Ich antworte darauf, Ein Ding kann alle anderen auf zwei Arten übertreffen. Erstens in einer bestimmten Gattung: und so ist die Jungfräulichkeit am vorzüglichsten, nämlich in der Gattung der Keuschheit, da sie die Keuschheit sowohl der Witwenschaft als auch der Ehe übertrifft. Und weil der Keuschheit antonomastisch Schönheit zugeschrieben wird, folgt daraus, dass der Keuschheit überragende Schönheit zugeschrieben wird. Weshalb Ambrosius sagt (De Virgin. i, 7): „Kann jemand irgendeine Schönheit höher schätzen als die einer Jungfrau, da sie von ihrem König geliebt, von ihrem Richter gebilligt, ihrem Herrn gewidmet, ihrem Gott geweiht ist?“ Zweitens kann ein Ding schlechthin am vorzüglichsten sein, und auf diese Weise ist die Jungfräulichkeit nicht die vorzüglichste der Tugenden. Weil das Ziel immer das übertrifft, was auf das Ziel ausgerichtet ist; und je wirksamer ein Ding auf das Ziel ausgerichtet ist, desto besser ist es. Nun ist das Ziel, welches die Jungfräulichkeit lobenswert macht, dass man Muße für göttliche Dinge habe, wie oben dargelegt (Artikel [4]). Weshalb die theologischen Tugenden sowie die Tugend der Religion, deren Akte darin bestehen, mit göttlichen Dingen beschäftigt zu sein, der Jungfräulichkeit vorzuziehen sind. Überdies wirken Märtyrer mächtiger, um Gott anzuhangen – da sie für dieses Ziel ihr eigenes Leben geringachten; und jene, die in Klöstern leben – da sie für dieses Ziel ihren eigenen Willen und alles, was sie besitzen mögen, aufgeben – als Jungfrauen, die zu demselben Zweck auf geschlechtliche Lust verzichten. Deshalb ist die Jungfräulichkeit nicht schlechthin die größte der Tugenden.
Antwort auf Einwand 1: Jungfrauen sind „der geehrtere Teil von Christi Herde“ und „ihr Ruhm erhabener“ im Vergleich zu Witwen und verheirateten Frauen.
Antwort auf Einwand 2: Die hundertfältige Frucht wird der Jungfräulichkeit zugeschrieben, gemäß Hieronymus [*Ep. cxxiii ad Ageruch.], wegen ihrer Überlegenheit gegenüber der Witwenschaft, der die sechzigfältige Frucht zugeschrieben wird, und der Ehe, der die dreißigfältige Frucht zugeschrieben wird. Aber gemäß Augustinus (De Quaest. Evang. i, 9) „wird die hundertfältige Frucht den Märtyrern gegeben, die sechzigfältige den Jungfrauen und die dreißigfältige den Verheirateten.“ Weshalb nicht folgt, dass die Jungfräulichkeit schlechthin die größte der Tugenden ist, sondern nur im Vergleich mit anderen Graden der Keuschheit.
Antwort auf Einwand 3: Jungfrauen „folgen dem Lamm, wohin es auch geht“, weil sie Christus nachahmen, durch Unversehrtheit nicht nur des Geistes, sondern auch des Fleisches, wie Augustinus sagt (De Virgin. xxvii). Weshalb sie dem Lamm auf mehr Weisen folgen, aber dies impliziert nicht, dass sie enger folgen, weil andere Tugenden uns durch Nachahmung des Geistes enger Gott anhangen lassen. Das „neue Lied“, das Jungfrauen allein singen, ist ihre Freude darüber, die Unversehrtheit des Fleisches bewahrt zu haben.