II-II, q. 152 a. 4
Ob die Jungfräulichkeit vorzüglicher ist als die Ehe?
Quaestio 152 · Von der Jungfräulichkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Jungfräulichkeit nicht vorzüglicher ist als die Ehe. Denn Augustinus sagt (De Bono Conjug. xxi): „Die Enthaltsamkeit war gleichermaßen verdienstlich bei Johannes, der unverheiratet blieb, und bei Abraham, der Kinder zeugte.“ Nun hat eine größere Tugend größeres Verdienst. Also ist Jungfräulichkeit keine größere Tugend als eheliche Keuschheit.
Einwand 2: Ferner hängt das Lob, das einem tugendhaften Menschen zuteilwird, von seiner Tugend ab. Wenn also Jungfräulichkeit der ehelichen Enthaltsamkeit vorzuziehen wäre, schiene daraus zu folgen, dass jede Jungfrau mehr zu loben ist als jede verheiratete Frau. Aber das ist unwahr. Also ist Jungfräulichkeit der Ehe nicht vorzuziehen.
Einwand 3: Ferner hat das Gemeinwohl Vorrang vor dem privaten Gut, gemäß dem Philosophen (Ethic. i, 2). Nun ist die Ehe auf das Gemeinwohl ausgerichtet: denn Augustinus sagt (De Bono Conjug. xvi): „Was die Speise für das Wohl des Menschen ist, das ist der Geschlechtsverkehr für das Wohl des Menschengeschlechts.“ Andererseits ist die Jungfräulichkeit auf das individuelle Gut geordnet, nämlich um das zu vermeiden, was der Apostel die „Trübsal des Fleisches“ nennt, der verheiratete Leute unterworfen sind (1 Kor 7,28). Also ist Jungfräulichkeit nicht größer als eheliche Enthaltsamkeit.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Virgin. xix): „Sowohl die solide Vernunft als auch die Autorität der Heiligen Schrift zeigen, dass weder die Ehe sündhaft ist, noch dass sie dem Gut der jungfräulichen Enthaltsamkeit oder auch nur dem der Witwenschaft gleichzustellen ist.“
Ich antworte darauf, Nach Hieronymus (Contra Jovin. i) bestand der Irrtum des Jovinian darin, dass er behauptete, die Jungfräulichkeit sei der Ehe nicht vorzuziehen. Dieser Irrtum wird vor allem durch das Beispiel Christi widerlegt, Der sowohl eine Jungfrau zu Seiner Mutter wählte als auch Selbst eine Jungfrau blieb, und durch die Lehre des Apostels, der (1 Kor 7) zur Jungfräulichkeit als dem größeren Gut rät. Er wird auch durch die Vernunft widerlegt, sowohl weil ein göttliches Gut Vorrang vor einem menschlichen Gut hat, als auch weil das Gut der Seele dem Gut des Körpers vorzuziehen ist, und wiederum weil das Gut des kontemplativen Lebens besser ist als das des aktiven Lebens. Nun ist die Jungfräulichkeit auf das Gut der Seele in Bezug auf das kontemplative Leben ausgerichtet, welches darin besteht, an „die Dinge Gottes“ [Vulg.: ‚des Herrn‘] zu denken, wohingegen die Ehe auf das Gut des Körpers ausgerichtet ist, nämlich die körperliche Vermehrung des Menschengeschlechts, und zum aktiven Leben gehört, da der Mann und die Frau, die das Eheleben ergreifen, an „die Dinge der Welt“ denken müssen, wie der Apostel sagt (1 Kor 7,34). Ohne Zweifel ist daher die Jungfräulichkeit der ehelichen Enthaltsamkeit vorzuziehen.
Antwort auf Einwand 1: Verdienst wird nicht nur an der Art der Handlung gemessen, sondern noch mehr an der Gesinnung des Handelnden. Nun hatte Abraham eine so disponierte Gesinnung, dass er bereit war, die Jungfräulichkeit zu beobachten, wenn es für ihn im Einklang mit den Zeiten gewesen wäre, dies zu tun. Weshalb in ihm die eheliche Enthaltsamkeit gleichermaßen verdienstlich war wie die jungfräuliche Enthaltsamkeit des Johannes, was den wesentlichen Lohn betrifft, aber nicht was den akzidentellen Lohn betrifft. Daher sagt Augustinus (De Bono Conjug. xxi), dass sowohl „die Ehelosigkeit des Johannes als auch die Ehe Abrahams Christi Kampf kämpften im Einklang mit dem Unterschied der Zeiten: aber Johannes war enthaltsam sogar in der Tat, während Abraham nur im Habitus enthaltsam war.“
Antwort auf Einwand 2: Obwohl Jungfräulichkeit besser ist als eheliche Enthaltsamkeit, kann eine verheiratete Person aus zwei Gründen besser sein als eine Jungfrau. Erstens aufseiten der Keuschheit selbst; wenn nämlich die verheiratete Person im Geiste bereiter ist, die Jungfräulichkeit zu beobachten, sollte es ratsam sein, als diejenige, die tatsächlich eine Jungfrau ist. Daher trägt Augustinus (De Bono Conjug. xxii) der Jungfrau auf zu sagen: „Ich bin nicht besser als Abraham, obwohl die Keuschheit der Ehelosigkeit besser ist als die Keuschheit der Ehe.“ Weiter unten gibt er den Grund dafür an: „Denn was ich jetzt tue, hätte er besser getan, wenn es für ihn damals passend gewesen wäre, es zu tun; und was sie taten, würde ich sogar jetzt tun, wenn es mir jetzt gebührte, es zu tun.“ Zweitens, weil vielleicht die Person, die keine Jungfrau ist, eine vorzüglichere Tugend besitzt. Weshalb Augustinus sagt (De Virgin. xliv): „Woher kennt eine Jungfrau die Dinge, die dem Herrn gehören, wie besorgt sie auch um sie sei, wenn sie vielleicht wegen irgendeines geistigen Fehlers noch nicht reif für das Martyrium ist, wohingegen diese Frau, der sie sich vorzuziehen beliebte, bereits fähig ist, den Kelch des Herrn zu trinken?“
Antwort auf Einwand 3: Das Gemeinwohl hat Vorrang vor dem privaten Gut, wenn es von derselben Gattung ist: aber es kann sein, dass das private Gut der Gattung nach besser ist. So ist die Jungfräulichkeit, die Gott geweiht ist, der fleischlichen Fruchtbarkeit vorzuziehen. Daher sagt Augustinus (De Virgin. ix): „Es muss gestanden werden, dass die Fruchtbarkeit des Fleisches, selbst jener Frauen, die in diesen Zeiten nichts anderes von der Ehe suchen als Kinder, um sie zu Dienern Christi zu machen, die verlorene Jungfräulichkeit nicht aufwiegen kann.“