II-II, q. 152 a. 1
Ob die Jungfräulichkeit in der Unversehrtheit des Fleisches besteht?
Quaestio 152 · Von der Jungfräulichkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Jungfräulichkeit nicht in der Unversehrtheit des Fleisches besteht. Denn Augustinus sagt (De Nup. et Concup.) [*Das Zitat stammt aus De Sancta Virgin. xiii], dass „Jungfräulichkeit das ständige Nachsinnen über die Unversehrtheit in einem verweslichen Fleisch ist.“ Aber das Nachsinnen betrifft nicht das Fleisch. Also liegt die Jungfräulichkeit nicht im Fleisch.
Einwand 2: Ferner bezeichnet Jungfräulichkeit eine Art Reinheit. Nun sagt Augustinus (De Civ. Dei i, 18), dass „die Reinheit in der Seele wohnt.“ Also ist Jungfräulichkeit nicht die Unversehrtheit des Fleisches.
Einwand 3: Ferner scheint die Unversehrtheit des Fleisches im Siegel der jungfräulichen Reinheit zu bestehen. Doch manchmal wird das Siegel gebrochen ohne Verlust der Jungfräulichkeit. Denn Augustinus sagt (De Civ. Dei i, 18), dass „jene Organe durch eine Verwundung infolge eines Unglücksfalls verletzt werden können. Auch Ärzte tun manchmal der Gesundheit wegen Dinge, bei deren Anblick man schaudert: und von einer Hebamme ist bekannt, dass sie durch Berührung den Beweis der Jungfräulichkeit zerstörte, den sie suchte.“ Und er fügt hinzu: „Niemand, so denke ich, wäre so töricht zu meinen, dieses Mädchen habe auch nur die körperliche Heiligkeit eingebüßt, obwohl es die Unversehrtheit jenes Organs verlor.“ Also besteht Jungfräulichkeit nicht in der Unversehrtheit des Fleisches.
Einwand 4: Ferner besteht die Verderbnis des Fleisches hauptsächlich im Samenerguss: und dieser kann ohne Beischlaf stattfinden, sei es im Schlaf oder im Wachen. Doch scheinbar geht die Jungfräulichkeit nicht ohne Beischlaf verloren: denn Augustinus sagt (De Virgin. xiii), dass „jungfräuliche Unversehrtheit und heilige Enthaltsamkeit, die sich jedes geschlechtlichen Verkehrs enthält, der Anteil der Engel ist.“ Also besteht Jungfräulichkeit nicht in der Unversehrtheit des Fleisches.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Virgin. viii): „Jungfräulichkeit ist die Enthaltsamkeit, durch welche die Unversehrtheit des Fleisches gelobt, geweiht und beobachtet wird zu Ehren des Schöpfers von Seele und Fleisch.“
Ich antworte darauf, dass die Jungfräulichkeit ihren Namen anscheinend von „viror“ [Frische/Grüne] hat, und so wie ein Ding als frisch beschrieben wird und seine Frische behält, solange es nicht durch übermäßige Hitze ausgedörrt ist, so bezeichnet auch Jungfräulichkeit, dass die Person, die sie besitzt, nicht von der Hitze der Begierde versengt ist, welche beim Erreichen der größten körperlichen Lust, nämlich der des Geschlechtsverkehrs, erfahren wird. Daher sagt Ambrosius (De Virgin. i, 5), dass „jungfräuliche Keuschheit die von Befleckung freie Unversehrtheit ist.“
Nun bieten die geschlechtlichen Lüste drei Punkte zur Betrachtung. Der erste liegt aufseiten des Körpers, nämlich die Verletzung des Siegels der Jungfräulichkeit. Der zweite ist die Verbindung zwischen dem, was die Seele betrifft, und dem, was den Körper betrifft, und dies ist der Samenerguss, der sinnliche Lust verursacht. Der dritte liegt gänzlich aufseiten der Seele, nämlich der Vorsatz, diese Lust zu erlangen. Von diesen drei ist der erste für den moralischen Akt akzidentell, welcher als solcher in Bezug auf die Seele betrachtet werden muss. Der zweite steht im Verhältnis der Materie zum moralischen Akt, da die sinnlichen Leidenschaften die Materie der moralischen Akte sind. Aber der dritte steht an der Stelle der Form und der Vollendung, weil das Wesen der Moralität in dem vervollkommnet wird, was die Vernunft betrifft. Da also die Jungfräulichkeit in der Freiheit von der besagten Verderbnis besteht, folgt daraus, dass die Unversehrtheit des körperlichen Organs für die Jungfräulichkeit akzidentell ist; während die Freiheit von der Lust beim Samenerguss sich materiell dazu verhält; und der Vorsatz, sich dieser Lust dauerhaft zu enthalten, das formale und vollendende Element in der Jungfräulichkeit ist.
Antwort auf Einwand 1: Diese Definition des Augustinus drückt direkt das aus, was formal in der Jungfräulichkeit ist. Denn „Nachsinnen“ bezeichnet den Vorsatz der Vernunft; und der Zusatz „ständig“ impliziert nicht, dass eine Jungfrau dieses Nachsinnen immer aktuell beibehalten muss, sondern dass sie den Vorsatz im Sinn behalten sollte, immer darin zu verharren. Das materielle Element wird indirekt durch die Worte „über die Unversehrtheit in einem verweslichen Körper“ ausgedrückt. Dies wird hinzugefügt, um die Schwierigkeit der Jungfräulichkeit zu zeigen: denn wäre das Fleisch unverweslich, wäre es nicht schwer, ein ständiges Nachsinnen über die Unversehrtheit aufrechtzuerhalten.
Antwort auf Einwand 2: Es ist wahr, dass die Reinheit ihrem Wesen nach in der Seele ist; aber ihrer Materie nach ist sie im Körper: und ebenso verhält es sich mit der Jungfräulichkeit. Weshalb Augustinus sagt (De Virgin. viii), dass „obwohl die Jungfräulichkeit im Fleisch wohnt“ und aus diesem Grund eine körperliche Eigenschaft ist, „sie doch eine geistige Sache ist, welche eine heilige Enthaltsamkeit pflegt und bewahrt.“
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt, ist die Unversehrtheit eines körperlichen Organs akzidentell für die Jungfräulichkeit, insofern eine Person durch die absichtliche Enthaltung von geschlechtlicher Lust die Unversehrtheit eines körperlichen Organs bewahrt. Wenn daher das Organ seine Unversehrtheit zufällig auf eine andere Weise verliert, ist dies für die Jungfräulichkeit nicht schädlicher als der Verlust einer Hand oder eines Fußes.
Antwort auf Einwand 4: Lust, die aus dem Samenerguss resultiert, kann auf zwei Arten entstehen. Wenn dies das Ergebnis des Vorsatzes des Geistes ist, zerstört es die Jungfräulichkeit, ob nun Beischlaf stattfindet oder nicht. Augustinus erwähnt jedoch den Beischlaf, weil ein solcher Erguss dessen gewöhnliche und natürliche Folge ist. Auf eine andere Weise kann dies geschehen ohne den Vorsatz des Geistes, entweder während des Schlafes oder durch Gewalt und ohne die Zustimmung des Geistes, obwohl das Fleisch Lust daraus zieht, oder wiederum durch Schwäche der Natur, wie im Falle derer, die einem Samenfluss unterliegen. In solchen Fällen ist die Jungfräulichkeit nicht verwirkt, weil eine solche Befleckung nicht das Ergebnis von Unreinheit ist, welche die Jungfräulichkeit ausschließt.