II-II, q. 132 a. 2
Ob die Ruhmsucht dem Großmut entgegengesetzt ist?
Quaestio 132 · Vom eitlen Ruhm
Einwand 1: Es scheint, dass die Ruhmsucht [vana gloria] dem Großmut [magnanimitas] nicht entgegengesetzt ist. Denn wie oben gesagt (Artikel 1), besteht Ruhmsucht darin, sich dessen zu rühmen, was nicht ist, was zur Falschheit gehört; oder irdischer und vergänglicher Dinge, was zur Habsucht gehört; oder des Zeugnisses von Menschen, deren Urteil unsicher ist, was zur Unklugheit gehört. Nun sind diese Laster dem Großmut nicht entgegengesetzt. Also ist die Ruhmsucht dem Großmut nicht entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner ist die Ruhmsucht dem Großmut nicht, wie der Kleinmut, durch Mangel entgegengesetzt, denn dies scheint mit der Ruhmsucht unvereinbar. Noch ist sie ihm durch Übermaß entgegengesetzt, denn auf diese Weise sind Vermessenheit und Ehrgeiz dem Großmut entgegengesetzt, wie oben gesagt (Quaestio 130, Artikel 2; Quaestio 131, Artikel 2): und diese unterscheiden sich von der Ruhmsucht. Also ist die Ruhmsucht dem Großmut nicht entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner sagt eine Glosse zu Phil 2,3: „Nichts geschehe aus Streitsucht, noch aus Ruhmsucht“: „Einige unter ihnen neigten zu Zwietracht und Unruhe und stritten miteinander um der Ruhmsucht willen.“ Aber Streitsucht [*Vgl. Quaestio 38] ist dem Großmut nicht entgegengesetzt. Also auch nicht die Ruhmsucht.
Dagegen spricht, was Tullius sagt (De Offic. i) unter der Überschrift: „Großmut besteht in zwei Dingen: Wir sollten uns vor dem Begehren nach Ruhm hüten, da es den Geist versklavt, den ein großmütiger Mensch stets danach streben sollte, ungebunden zu halten.“ Also ist sie dem Großmut entgegengesetzt.
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt (Quaestio 103, Artikel 1, ad 3), ist Ruhm eine Wirkung von Ehre und Lob: denn aus der Tatsache, dass ein Mensch gelobt oder ihm irgendeine Art von Ehrerbietung erwiesen wird, erlangt er Klarheit in der Erkenntnis anderer. Und da der Großmut sich auf die Ehre bezieht, wie oben gesagt (Quaestio 129, Artikel 1, 2), folgt daraus, dass er sich auch auf den Ruhm bezieht: da ein Mensch, wie er die Ehre maßvoll gebraucht, so auch den Ruhm in Maßen gebraucht. Daher ist das ungeordnete Begehren nach Ruhm dem Großmut direkt entgegengesetzt.
Antwort auf Einwand 1: Kleine Dinge so hoch einzuschätzen, dass man sich ihrer rühmt, ist selbst dem Großmut entgegengesetzt. Daher wird vom großmütigen Menschen gesagt (Ethic. iv), dass ihm die Ehre wenig bedeutet. In gleicher Weise denkt er gering von anderen Dingen, die um der Ehre willen gesucht werden, wie Macht und Reichtum. Ebenso ist es mit dem Großmut unvereinbar, sich dessen zu rühmen, was nicht ist; weshalb vom großmütigen Menschen gesagt wird (Ethic. iv), dass ihm mehr an der Wahrheit liegt als an der Meinung. Wiederum ist es mit dem Großmut unvereinbar, dass ein Mensch sich des Zeugnisses menschlichen Lobes rühmt, als ob er dies für etwas Großes hielte; weshalb vom großmütigen Menschen gesagt wird (Ethic. iv), dass es ihm nicht wichtig ist, gelobt zu werden. Und so, wenn ein Mensch kleine Dinge betrachtet, als wären sie groß, hindert dies nichts daran, dass es dem Großmut sowie anderen Tugenden entgegengesetzt ist.
Antwort auf Einwand 2: Wer nach Ruhmsucht verlangt, verfehlt in Wahrheit den Großmut, weil er sich dessen rühmt, was der großmütige Mensch gering schätzt, wie in der vorhergehenden Antwort dargelegt. Wenn wir aber seine Einschätzung betrachten, ist er dem großmütigen Menschen durch Übermaß entgegengesetzt, weil der Ruhm, den er sucht, in seiner Einschätzung etwas Großes ist und er danach im Übermaß zu seinen Verdiensten strebt.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben gesagt (Quaestio 127, Artikel 2, ad 2), hängt der Gegensatz der Laster nicht von ihren Wirkungen ab. Dennoch ist Streitsucht, wenn sie absichtlich geschieht, dem Großmut entgegengesetzt: da niemand streitet, außer um das, was er für groß hält. Weshalb der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3), dass der großmütige Mensch nicht streitsüchtig ist, weil nichts in seiner Einschätzung groß ist.