II-II, q. 124 a. 5
Ist der Glaube allein die Ursache des Martyriums?
Quaestio 124 · Vom Martyrium
Einwand 1: Es scheint, dass der Glaube allein die Ursache des Martyriums ist. Denn es steht geschrieben (1 Petr 4,15.16): „Niemand von euch leide als Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der nach fremdem Gut begehrt. Wenn aber als Christ, so schäme er sich nicht, sondern verherrliche Gott in diesem Namen.“ Nun wird ein Mensch Christ genannt, weil er den Glauben Christi hat. Also gibt nur der Glaube an Christus jenen, die leiden, die Herrlichkeit des Martyriums.
Einwand 2: Weiter ist ein Märtyrer eine Art Zeuge. Aber Zeugnis wird allein für die Wahrheit abgelegt. Nun wird man nicht Märtyrer genannt, weil man Zeugnis für irgendeine Wahrheit ablegt, sondern nur für das Bezeugen der göttlichen Wahrheit, sonst wäre ein Mensch ein Märtyrer, wenn er stürbe, um eine Wahrheit der Geometrie oder einer anderen spekulativen Wissenschaft zu bekennen, was lächerlich scheint. Also ist der Glaube allein die Ursache des Martyriums.
Einwand 3: Weiter scheinen jene tugendhaften Taten von größtem Gewicht zu sein, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind, da „das Wohl des Volkes besser ist als das Wohl des Einzelnen“, gemäß dem Philosophen (Ethic. i, 2). Wenn also irgendein anderes Gut die Ursache des Martyriums wäre, schiene es, dass vor allen jene Märtyrer wären, die für die Verteidigung ihres Vaterlandes sterben. Doch dies stimmt nicht mit der kirchlichen Observanz überein, denn wir feiern nicht das Martyrium derer, die in einem gerechten Krieg sterben. Also ist der Glaube allein die Ursache des Martyriums.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Mt 5,10): „Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen“, was zum Martyrium gehört, gemäß einer Glosse sowie dem Kommentar des Hieronymus zu dieser Stelle. Nun gehören nicht nur der Glaube, sondern auch die anderen Tugenden zur Gerechtigkeit. Also können andere Tugenden die Ursache des Martyriums sein.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel 4), Märtyrer so genannt werden, weil sie Zeugen sind, denn indem sie am Leibe bis zum Tod leiden, legen sie Zeugnis für die Wahrheit ab; zwar nicht für irgendeine Wahrheit, sondern für die Wahrheit, die der Frömmigkeit entspricht und uns durch Christus kundgetan wurde: weshalb Christi Märtyrer seine Zeugen sind. Nun ist diese Wahrheit die Wahrheit des Glaubens. Weshalb die Ursache allen Martyriums die Wahrheit des Glaubens ist.
Aber die Wahrheit des Glaubens schließt nicht nur den inneren Glauben ein, sondern auch das äußere Bekenntnis, welches nicht nur durch Worte ausgedrückt wird, wodurch man den Glauben bekennt, sondern auch durch Taten, wodurch eine Person zeigt, dass sie Glauben hat, gemäß Jakobus 2,18: „Ich will dir aus den Werken meinen Glauben zeigen.“ Daher steht über gewisse Leute geschrieben (Tit 1,16): „Sie geben vor, Gott zu kennen, aber mit den Werken verleugnen sie ihn.“ So sind alle tugendhaften Taten, insofern sie auf Gott bezogen werden, Bekenntnisse des Glaubens, wodurch wir erkennen, dass Gott diese Werke von uns verlangt und uns für sie belohnt: und auf diese Weise können sie die Ursache des Martyriums sein. Aus diesem Grund feiert die Kirche das Martyrium des seligen Johannes des Täufers, der den Tod erlitt, nicht weil er sich weigerte, den Glauben zu leugnen, sondern weil er den Ehebruch tadelte.
Zu dem Ersten: Ein Christ ist einer, der Christus gehört. Nun wird eine Person als Christus zugehörig bezeichnet, nicht nur dadurch, dass sie den Glauben an Christus hat, sondern auch, weil sie durch den Geist Christi zu tugendhaften Taten angetrieben wird, gemäß Röm 8,9: „Wer aber den Geist Christi nicht hat, der ist nicht sein“; und wiederum, weil sie in der Nachfolge Christi den Sünden abgestorben ist, gemäß Gal 5,24: „Die aber Christus angehören, haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Lastern und Begierden.“ Daher heißt als Christ leiden nicht nur, im Bekenntnis des Glaubens zu leiden, was durch Worte geschieht, sondern auch für das Tun irgendeines guten Werkes oder für das Vermeiden irgendeiner Sünde um Christi willen zu leiden, weil dies alles unter den Hauptpunkt des Zeugnisgebens für den Glauben fällt.
Zu dem Zweiten: Die Wahrheit anderer Wissenschaften hat keine Verbindung mit der Verehrung der Gottheit: daher wird sie nicht Wahrheit gemäß der Frömmigkeit genannt, und folglich kann ihr Bekenntnis nicht als die direkte Ursache des Martyriums bezeichnet werden. Doch da jede Lüge eine Sünde ist, wie oben dargelegt (Quaestio 110, Artikel 3, 4), kann die Vermeidung einer Lüge, welcher Wahrheit auch immer sie entgegengesetzt sein mag, die Ursache des Martyriums sein, insofern eine Lüge eine Sünde gegen das göttliche Gesetz ist.
Zu dem Dritten: Das Wohl des eigenen Vaterlandes ist unter den menschlichen Gütern von höchstem Rang: doch das göttliche Gut, welches die eigentliche Ursache des Martyriums ist, ist von größerem Gewicht als das menschliche Gut. Dennoch, da menschliches Gut zu einem göttlichen werden kann, zum Beispiel wenn es auf Gott bezogen wird, folgt daraus, dass jedes menschliche Gut, insofern es auf Gott bezogen wird, die Ursache des Martyriums sein kann.