II-II, q. 124 a. 4
Ist der Tod wesentlich für das Martyrium?
Quaestio 124 · Vom Martyrium
Einwand 1: Es scheint, dass der Tod nicht wesentlich für das Martyrium ist. Denn Hieronymus sagt in einer Predigt über die Aufnahme Mariens (Epist. ad Paul. et Eustoch.): „Ich würde zu Recht sagen, dass die Mutter Gottes sowohl Jungfrau als auch Märtyrerin war, obwohl sie ihre Tage in Frieden beendete“: und Gregor sagt (Hom. iii in Evang.): „Obwohl die Verfolgung aufgehört hat, die Gelegenheit zu bieten, ist doch der Frieden, den wir genießen, nicht ohne sein Martyrium, da wir, auch wenn wir das Leben des Leibes nicht mehr dem Schwert übergeben, doch fleischliche Begierden in der Seele mit dem Schwert des Geistes töten.“ Also kann es ein Martyrium ohne das Erleiden des Todes geben.
Einwand 2: Weiter lesen wir von gewissen Frauen, dass sie dafür gelobt wurden, das Leben verachtet zu haben, um die Unversehrtheit des Fleisches zu bewahren: weshalb anscheinend die Unversehrtheit der Keuschheit dem Leben des Leibes vorzuziehen ist. Nun wurde manchmal die Unversehrtheit des Fleisches im Bekenntnis des christlichen Glaubens eingebüßt oder bedroht, wie im Falle von Agnes und Lucia. Daher scheint es, dass der Name Märtyrer einer Frau zuerkannt werden sollte, die die Unversehrtheit des Fleisches um des Glaubens Christi willen einbüßt, eher als wenn sie sogar das Leben des Leibes einbüßen würde: weshalb auch Lucia sagte: „Wenn du bewirkst, dass ich gegen meinen Willen geschändet werde, wird mir meine Keuschheit eine doppelte Krone einbringen.“
Einwand 3: Weiter ist das Martyrium ein Akt der Tapferkeit. Aber es kommt der Tapferkeit zu, nicht nur dem Tod, sondern auch anderen Mühsalen zu trotzen, wie Augustinus erklärt (Music. vi). Nun gibt es viele andere Mühsale außer dem Tod, die man für den Glauben Christi erleiden kann, nämlich Gefangenschaft, Exil, Beraubung der Güter, wie in Hebr 10,34 erwähnt, aus welchem Grund wir das Martyrium des Papstes, des heiligen Marcellus, feiern, ungeachtet dessen, dass er im Gefängnis starb. Also ist es für das Martyrium nicht wesentlich, dass man die Pein des Todes erleidet.
Einwand 4: Weiter ist das Martyrium ein verdienstvoller Akt, wie oben dargelegt (Artikel 2, ad 1; Artikel 3). Nun kann es nach dem Tod kein verdienstvoller Akt sein. Also ist es vor dem Tod; und folglich ist der Tod nicht wesentlich für das Martyrium.
Dagegen spricht, dass Maximus in einer Predigt über die Märtyrer sagt, dass „im Sterben für den Glauben derjenige siegt, der besiegt worden wäre, wenn er ohne Glauben gelebt hätte“.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel 2), ein Märtyrer so genannt wird, weil er ein Zeuge für den christlichen Glauben ist, der uns lehrt, sichtbare Dinge um der unsichtbaren Dinge willen zu verachten, wie in Hebr 11 dargelegt. Dementsprechend gehört es zum Martyrium, dass ein Mensch Zeugnis für den Glauben ablegt, indem er durch die Tat zeigt, dass er alle gegenwärtigen Dinge verachtet, um unsichtbare zukünftige Güter zu erlangen. Solange nun ein Mensch das Leben des Leibes behält, zeigt er nicht durch die Tat, dass er alle Dinge verachtet, die sich auf den Leib beziehen. Denn Menschen pflegen sowohl ihre Verwandten als auch alles, was sie besitzen, zu verachten und sogar körperlichen Schmerz zu erleiden, eher als das Leben zu verlieren. Daher bezeugte Satan gegen Hiob (Hiob 2,4): „Haut für Haut, und alles, was ein Mann hat, wird er für seine Seele geben“ [d.h. für sein Leben], also für das Leben seines Leibes. Deshalb erfordert der vollkommene Begriff des Martyriums, dass ein Mensch den Tod um Christi willen erleidet.
Zu dem Ersten: Die zitierten Autoritäten und ähnliche, denen man begegnen mag, sprechen vom Martyrium im Wege des Vergleichs.
Zu dem Zweiten: Wenn eine Frau die Unversehrtheit des Fleisches einbüßt oder dazu verurteilt wird, sie unter dem Vorwand des christlichen Glaubens einzubüßen, ist es für die Menschen nicht offensichtlich, ob sie dies aus Liebe zum christlichen Glauben erleidet oder eher aus Verachtung der Keuschheit. Weshalb in den Augen der Menschen ihr Zeugnis nicht für ausreichend gehalten wird, und folglich ist dies nicht das Martyrium im eigentlichen Sinne. In den Augen Gottes jedoch, der das Herz erforscht, mag dies eines Lohnes würdig erachtet werden, wie Lucia sagte.
Zu dem Dritten: Wie oben dargelegt (Quaestio 123, Artikel 4, 5), betrifft die Tapferkeit hauptsächlich die Todesgefahr und andere Gefahren infolgedessen; weshalb eine Person nicht allein deshalb Märtyrer genannt wird, weil sie Gefangenschaft oder Exil oder den Verlust ihres Reichtums erleidet, außer insofern diese zum Tod führen.
Zu dem Vierten: Das Verdienst des Martyriums liegt nicht nach dem Tod, sondern im freiwilligen Erdulden des Todes, nämlich in der Tatsache, dass eine Person willig erleidet, zu Tode gebracht zu werden. Es geschieht jedoch manchmal, dass ein Mensch noch einige Zeit lebt, nachdem er um Christi willen tödlich verwundet wurde, oder nachdem er für den Glauben Christi irgendeine andere Art von Mühsal erlitten hat, die durch Verfolgung zugefügt wurde und andauerte, bis der Tod eintrat. Der Akt des Martyriums ist verdienstvoll, während ein Mensch in diesem Zustand ist, und zu genau der Zeit, da er diese Mühsale erleidet.