II-II, q. 124 a. 2
Ist das Martyrium ein Akt der Tapferkeit?
Quaestio 124 · Vom Martyrium
Einwand 1: Es scheint, dass das Martyrium kein Akt der Tapferkeit ist. Denn das griechische Wort martyr bedeutet Zeuge. Nun wird Zeugnis für den Glauben an Christus abgelegt, gemäß Apg 1,8: „Ihr werdet meine Zeugen sein“ usw., und Maximus sagt in einer Predigt: „Die Mutter der Märtyrer ist der katholische Glaube, den jene glorreichen Kämpfer mit ihrem Blut besiegelt haben.“ Also ist das Martyrium eher ein Akt des Glaubens als der Tapferkeit.
Einwand 2: Weiter gehört ein lobenswerter Akt hauptsächlich zu der Tugend, die dazu hinneigt, die durch ihn offenbart wird und ohne die der Akt nichts nützt. Nun ist die Liebe (caritas) der Hauptantrieb zum Martyrium: So sagt Maximus in einer Predigt: „Die Liebe Christi ist siegreich in seinen Märtyrern.“ Auch liegt der größte Beweis der Liebe im Akt des Martyriums, gemäß Joh 15,13: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Überdies nützt das Martyrium ohne die Liebe nichts, gemäß 1 Kor 13,3: „Wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe und hätte die Liebe nicht, so nützte es mir nichts.“ Also ist das Martyrium eher ein Akt der Liebe als der Tapferkeit.
Einwand 3: Weiter sagt Augustinus in einer Predigt über den heiligen Cyprian: „Es ist leicht, einen Märtyrer zu ehren, indem man sein Lob singt, aber es ist eine große Sache, seinen Glauben und seine Geduld nachzuahmen.“ Nun ist das, was bei einem tugendhaften Akt hauptsächlich Lob verdient, die Tugend, deren Akt er ist. Also ist das Martyrium eher ein Akt der Geduld als der Tapferkeit.
Dagegen spricht, dass Cyprian sagt (Ep. ad Mart. et Conf. ii): „Selige Märtyrer, mit welchem Lob soll ich euch preisen? Tapferste Krieger, wie soll ich Worte finden, um die Stärke eures Mutes zu verkünden?“ Nun wird eine Person aufgrund der Tugend gelobt, deren Akt sie vollzieht. Also ist das Martyrium ein Akt der Tapferkeit.
Ich antworte darauf, dass es, wie oben dargelegt (Quaestio 123, Artikel 1 ff.), der Tapferkeit zukommt, den Menschen im Gut der Tugend zu stärken, besonders gegen Gefahren, und hauptsächlich gegen Todesgefahren, und am allermeisten gegen jene, die im Kampf auftreten. Nun ist es offensichtlich, dass im Martyrium der Mensch fest im Gut der Tugend gestärkt wird, da er an Glaube und Gerechtigkeit festhält ungeachtet der drohenden Todesgefahr, deren Unmittelbarkeit zudem auf eine Art besonderen Kampf mit seinen Verfolgern zurückzuführen ist. Daher sagt Cyprian in einer Predigt (Ep. ad Mart. et Conf. ii): „Die Menge der Zuschauer wunderte sich, einen überirdischen Kampf zu sehen, und Christi Diener aufrecht kämpfend, unerschrocken in der Rede, mit unbewegten Seelen und göttlicher Kraft.“ Weshalb es offensichtlich ist, dass das Martyrium ein Akt der Tapferkeit ist; aus welchem Grund die Kirche im Offizium der Märtyrer liest: Sie „sind stark geworden im Kampf“ (Hebr 11,34).
Zu dem Ersten: Zwei Dinge müssen beim Akt der Tapferkeit betrachtet werden. Das eine ist das Gut, worin der tapfere Mann gestärkt wird, und dies ist das Ziel der Tapferkeit; das andere ist die Festigkeit selbst, wodurch ein Mensch nicht den Gegensätzen weicht, die ihn daran hindern, jenes Gut zu erreichen, und darin besteht das Wesen der Tapferkeit. Nun stärkt so, wie die bürgerliche Tapferkeit den Geist des Menschen in der menschlichen Gerechtigkeit festigt, für deren Wahrung er der Todesgefahr trotzt, die eingegossene Tapferkeit die Seele des Menschen im Gut der göttlichen Gerechtigkeit, welche ist „durch den Glauben an Jesus Christus“, gemäß Röm 3,22. So verhält sich das Martyrium zum Glauben als dem Ziel, in dem man gestärkt wird, aber zur Tapferkeit als dem hervorbringenden Habitus.
Zu dem Zweiten: Die Liebe neigt zum Akt des Martyriums als seine erste und hauptsächliche Bewegursache, da sie die Tugend ist, die ihn befiehlt, wohingegen die Tapferkeit dazu neigt als seine eigentliche Bewegursache, da sie die Tugend ist, die ihn hervorbringt. Daher ist das Martyrium ein Akt der Liebe als der befehlenden und der Tapferkeit als der hervorbringenden Tugend. Aus diesem Grund offenbart es auch beide Tugenden. Der Liebe ist es zuzuschreiben, dass es verdienstvoll ist, wie jeder andere Akt der Tugend: und aus diesem Grund nützt es nichts ohne die Liebe.
Zu dem Dritten: Wie oben dargelegt (Quaestio 123, Artikel 6), ist der Hauptakt der Tapferkeit das Erdulden: hierzu und nicht zu ihrem sekundären Akt, welcher der Angriff ist, gehört das Martyrium. Und da die Geduld der Tapferkeit hinsichtlich ihres Hauptaktes, nämlich des Erduldens, dient, kommt es daher, dass Märtyrer auch für ihre Geduld gelobt werden.