I-II, q. 99 a. 3
Ob das Alte Gesetz außer den moralischen auch zeremonielle Vorschriften umfasst?
Quaestio 99 · Von den Geboten des Alten Gesetzes
Einwand 1: Es scheint, dass das Alte Gesetz außer den moralischen keine zeremoniellen Vorschriften umfasst. Denn jedes Gesetz, das dem Menschen gegeben wird, dient dem Zweck, menschliche Handlungen zu lenken. Nun werden menschliche Handlungen moralisch genannt, wie oben dargelegt (Quaestio [1], Artikel [3]). Daher scheint es, dass das dem Menschen gegebene Alte Gesetz keine anderen als moralische Vorschriften umfassen sollte.
Einwand 2: Ferner scheinen jene Vorschriften, die zeremoniell genannt werden, sich auf den göttlichen Kult zu beziehen. Der göttliche Kult aber ist der Akt einer Tugend, nämlich der Religion, die, wie Cicero sagt (De Invent. ii), „der Gottheit Verehrung und Zeremonie darbringt“. Da also die moralischen Vorschriften sich auf Tugendakte beziehen, wie oben gesagt (Artikel [2]), scheint es, dass die zeremoniellen Vorschriften nicht von den moralischen unterschieden sein sollten.
Einwand 3: Ferner scheinen die zeremoniellen Vorschriften jene zu sein, die etwas bildlich bezeichnen. Aber wie Augustinus bemerkt (De Doctr. Christ. ii, 3,4), „nehmen unter allen Zeichen, die von Menschen gebraucht werden, die Worte den ersten Platz ein“. Daher ist es nicht notwendig, dass das Gesetz zeremonielle Vorschriften über bestimmte bildliche Handlungen enthält.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Dtn 4,13.14): „Zehn Worte... schrieb er auf zwei steinerne Tafeln; und er befahl mir zu jener Zeit, dass ich euch die Zeremonien und Rechte lehren sollte, die ihr tun sollt.“ Aber die zehn Gebote des Gesetzes sind moralische Vorschriften. Also gibt es außer den moralischen Vorschriften noch andere, die zeremoniell sind.
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt (Artikel [2]), ist das göttliche Gesetz hauptsächlich dazu eingesetzt, die Menschen zu Gott hinzulenken, während das menschliche Gesetz hauptsächlich dazu eingesetzt ist, die Menschen in ihrer Beziehung zueinander zu lenken. Daher haben sich menschliche Gesetze nicht mit der Einrichtung von Dingen befasst, die den göttlichen Kult betreffen, außer insofern es das Gemeinwohl der Menschheit betrifft; und aus diesem Grund haben sie viele Einrichtungen bezüglich göttlicher Dinge ersonnen, je nachdem, wie es für die Bildung der menschlichen Sitten förderlich schien; wie man an den Riten der Heiden sehen kann. Andererseits lenkte das göttliche Gesetz die Menschen zueinander gemäß den Erfordernissen jener Ordnung, durch die der Mensch auf Gott hingeordnet ist, welche Ordnung das Hauptziel jenes Gesetzes war. Nun wird der Mensch nicht nur durch die inneren Akte des Geistes, welche Glaube, Hoffnung und Liebe sind, auf Gott hingeordnet, sondern auch durch gewisse äußere Werke, wodurch der Mensch seine Unterwerfung unter Gott bekennt; und diese Werke sind es, von denen gesagt wird, dass sie zum göttlichen Kult gehören. Dieser Kult wird „Zeremonie“ [die munia, d.h. Gaben] der Ceres (welche die Göttin der Früchte war) genannt, wie einige sagen, weil anfangs Gott Opfergaben von den Früchten dargebracht wurden; oder weil, wie Valerius Maximus angibt [*Fact. et Dict. Memor. i, 1], das Wort „Zeremonie“ bei den Lateinern eingeführt wurde, um den göttlichen Kult zu bezeichnen, abgeleitet von einer Stadt nahe Rom namens „Caere“: denn als Rom von den Galliern eingenommen wurde, wurden die heiligen Geräte der Römer dorthin gebracht und sehr sorgfältig bewahrt. Dementsprechend werden jene Vorschriften des Gesetzes, die sich auf den göttlichen Kult beziehen, speziell zeremoniell genannt.
Antwort auf Einwand 1: Menschliche Handlungen erstrecken sich auch auf den göttlichen Kult; und daher enthält das dem Menschen gegebene Alte Gesetz auch Vorschriften über diese Angelegenheiten.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben gesagt (Quaestio [91], Artikel [3]), sind die Vorschriften des Naturgesetzes allgemein und bedürfen der näheren Bestimmung; und sie werden sowohl durch menschliches Gesetz als auch durch göttliches Gesetz bestimmt. Und so wie eben diese Bestimmungen, die durch menschliches Gesetz getroffen werden, nicht als zum Naturgesetz, sondern zum positiven Gesetz gehörig bezeichnet werden, so sind die Bestimmungen der Vorschriften des Naturgesetzes, die durch das göttliche Gesetz bewirkt werden, von den moralischen Vorschriften unterschieden, die zum Naturgesetz gehören. Gott zu verehren gehört also, da es ein Akt der Tugend ist, zu einer moralischen Vorschrift; aber die Bestimmung dieser Vorschrift, nämlich dass Er durch solche und solche Opfer und solche und solche Gaben verehrt werden soll, gehört zu den zeremoniellen Vorschriften. Folglich sind die zeremoniellen Vorschriften von den moralischen Vorschriften unterschieden.
Antwort auf Einwand 3: Wie Dionysius sagt (Coel. Hier. i), können die Dinge Gottes den Menschen nicht anders als durch sinnliche Gleichnisse offenbart werden. Nun bewegen diese Gleichnisse die Seele mehr, wenn sie nicht nur in Worten ausgedrückt, sondern auch den Sinnen dargeboten werden. Daher werden die Dinge Gottes in der Schrift nicht nur durch in Worten ausgedrückte Gleichnisse dargelegt, wie im Falle metaphorischer Ausdrücke, sondern auch durch Gleichnisse von Dingen, die vor Augen gestellt werden, was zu den zeremoniellen Vorschriften gehört.