I-II, q. 88 a. 2
Ob sich Todsünde und lässliche Sünde der Art nach unterscheiden?
Quaestio 88 · Von der lässlichen Sünde und der Todsünde
Einwand 1: Es scheint, dass lässliche und Todsünde sich nicht der Art nach (generisch) unterscheiden, so dass einige Sünden ihrer Art nach Todsünden und einige ihrer Art nach lässliche Sünden wären. Denn menschliche Handlungen werden als der Art nach gut oder böse betrachtet gemäß ihrer Materie oder ihrem Objekt, wie oben dargelegt (Quaestio [18], Artikel [2]). Nun kann entweder eine Todsünde oder eine lässliche Sünde in Bezug auf jedes Objekt oder jede Materie begangen werden: da der Mensch jedes veränderliche Gut lieben kann, entweder weniger als Gott, was eine lässliche Sünde sein kann, oder mehr als Gott, was eine Todsünde ist. Daher unterscheiden sich lässliche und Todsünde nicht der Art nach.
Einwand 2: Ferner wird, wie oben dargelegt (Artikel [1]; Quaestio [72], Artikel [5]; Quaestio [87], Artikel [3]), eine Sünde tödlich genannt, wenn sie irreparabel ist, lässlich, wenn sie repariert werden kann. Nun gehört die Irreparabilität zur Sünde, die aus Bosheit begangen wird, welche nach einigen unverzeihlich ist: wohingegen die Reparabilität zu Sünden gehört, die aus Schwäche oder Unwissenheit begangen werden, welche verzeihlich sind. Daher unterscheiden sich Todsünde und lässliche Sünde so, wie sich die aus Bosheit begangene Sünde von der aus Schwäche oder Unwissenheit begangenen Sünde unterscheidet. In dieser Hinsicht aber unterscheiden sich Sünden nicht der Art nach, sondern in der Ursache, wie oben dargelegt (Quaestio [77], Artikel [8], ad 1). Daher unterscheiden sich lässliche und Todsünde nicht der Art nach.
Einwand 3: Ferner wurde oben festgestellt (Quaestio [74], Artikel [3], ad 3; Artikel [10]), dass plötzliche Regungen sowohl der Sinnlichkeit als auch der Vernunft lässliche Sünden sind. Aber plötzliche Regungen kommen in jeder Art von Sünde vor. Daher sind keine Sünden ihrer Art nach lässlich.
Dagegen spricht, dass Augustinus in einer Predigt über das Fegefeuer (De Sanctis, serm. xli) gewisse Sünden aufzählt, die der Art nach lässlich sind, und gewisse, die der Art nach Todsünden sind.
Ich antworte darauf, dass die lässliche Sünde so genannt wird von „venia“ [Verzeihung/Nachsicht]. Folglich kann eine Sünde lässlich genannt werden, erstens, weil sie verziehen worden ist: so sagt Ambrosius, dass „die Buße jede Sünde lässlich macht“: und dies wird lässlich genannt „vom Ergebnis her“. Zweitens wird eine Sünde lässlich genannt, weil sie nichts enthält, weder teilweise noch ganz, was verhindern würde, dass sie verziehen wird: teilweise, wie wenn eine Sünde etwas enthält, das ihre Schuld mindert, z.B. eine Sünde, die aus Schwäche oder Unwissenheit begangen wird: und dies wird lässlich genannt „von der Ursache her“: ganz, indem sie nicht die Ordnung auf das letzte Ziel zerstört, weshalb sie zeitliche, aber nicht ewige Strafe verdient. Von dieser lässlichen Sünde wollen wir jetzt sprechen.
Denn was die ersten beiden betrifft, so ist es offensichtlich, dass sie keine bestimmte Gattung haben: wohingegen die lässliche Sünde, im dritten Sinne genommen, eine bestimmte Gattung haben kann, so dass eine Sünde ihrer Art nach lässlich und eine andere ihrer Art nach eine Todsünde sein kann, je nachdem wie die Gattung oder Spezies einer Handlung durch ihr Objekt bestimmt wird. Denn wenn der Wille auf eine Sache gerichtet ist, die in sich der Liebe (Caritas) entgegengesetzt ist, durch welche der Mensch auf sein letztes Ziel ausgerichtet ist, ist die Sünde aufgrund ihres Objekts eine Todsünde. Folglich ist es eine Todsünde der Art nach, ob sie nun gegen die Liebe Gottes ist, z.B. Gotteslästerung, Meineid und dergleichen, oder gegen die Liebe zum Nächsten, z.B. Mord, Ehebruch und dergleichen: weshalb solche Sünden aufgrund ihrer Gattung Todsünden sind. Manchmal jedoch ist der Wille des Sünders auf eine Sache gerichtet, die eine gewisse Unordnung enthält, aber nicht gegen die Liebe Gottes und des Nächsten ist, z.B. ein unnützes Wort, übermäßiges Lachen und so weiter: und solche Sünden sind aufgrund ihrer Gattung lässlich.
Dennoch, da moralische Handlungen ihren Charakter von Güte und Bosheit nicht nur von ihren Objekten ableiten, sondern auch von einer gewissen Disposition des Handelnden, wie oben dargelegt (Quaestio [18], Artikel [4],6), geschieht es manchmal, dass eine Sünde, die aufgrund ihres Objekts der Art nach lässlich ist, seitens des Handelnden zur Todsünde wird, entweder weil er sein letztes Ziel darin festsetzt oder weil er sie auf etwas hinordnet, das in seiner eigenen Gattung eine Todsünde ist; zum Beispiel, wenn ein Mann ein unnützes Wort auf die Begehung von Ehebruch hinordnet. In gleicher Weise kann es seitens des Handelnden geschehen, dass eine Sünde, die der Art nach eine Todsünde ist, lässlich wird, aufgrund dessen, dass die Handlung unvollkommen ist, d.h. nicht durch die Vernunft überlegt, welche das eigentliche Prinzip einer bösen Handlung ist, wie wir oben in Bezug auf plötzliche Regungen des Unglaubens gesagt haben.
Antwort auf Einwand 1: Eben die Tatsache, dass jemand etwas wählt, das der göttlichen Liebe entgegengesetzt ist, beweist, dass er es der Liebe Gottes vorzieht, und folglich, dass er es mehr liebt, als er Gott liebt. Daher gehört es zur Gattung einiger Sünden, die aus sich selbst heraus der Liebe entgegengesetzt sind, dass etwas mehr geliebt wird als Gott; so dass sie aufgrund ihrer Gattung Todsünden sind.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument betrachtet jene Sünden, die von ihrer Ursache her lässlich sind.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument betrachtet jene Sünden, die aufgrund der Unvollkommenheit der Handlung lässlich sind.