I-II, q. 65 a. 2
Ob moralische Tugenden ohne die Liebe sein können?
Quaestio 65 · Von der Verbindung der Tugenden
Einwand 1: Es scheint, dass moralische Tugenden ohne die Liebe sein können. Denn es wird im Liber Sentent. Prosperi vii gesagt, dass „jede Tugend außer der Liebe den Guten und Bösen gemeinsam sein kann“. Aber „die Liebe kann in niemandem sein außer den Guten“, wie im selben Buch gesagt wird. Daher können die anderen Tugenden ohne die Liebe gehabt werden.
Einwand 2: Ferner können moralische Tugenden durch menschliche Handlungen erworben werden, wie in Ethic. ii, 1,2 dargelegt, wohingegen die Liebe nicht anders als durch Eingießung gehabt werden kann, gemäß Röm 5,5: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Daher ist es möglich, die anderen Tugenden ohne die Liebe zu haben.
Einwand 3: Ferner sind die moralischen Tugenden miteinander verbunden, indem sie von der Klugheit abhängen. Aber die Liebe hängt nicht von der Klugheit ab; tatsächlich übertrifft sie die Klugheit, gemäß Eph 3,19: „Die Liebe Christi, die alle Erkenntnis übertrifft.“ Daher sind die moralischen Tugenden nicht mit der Liebe verbunden und können ohne sie sein.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (1 Joh 3,14): „Wer nicht liebt, bleibt im Tod.“ Nun wird das geistliche Leben durch die Tugenden vervollkommnet, da wir „durch sie ein gutes Leben führen“, wie Augustinus feststellt (De Lib. Arb. ii, 17,19). Daher können sie nicht ohne die Liebe der Caritas sein.
Ich antworte darauf, dass es, wie oben dargelegt (Quaestio [63], Artikel [2]), möglich ist, mittels menschlicher Werke moralische Tugenden zu erwerben, insofern sie gute Werke hervorbringen, die auf ein Ziel gerichtet sind, das die natürliche Kraft des Menschen nicht übersteigt: und wenn sie so erworben sind, können sie ohne die Liebe sein, so wie sie in vielen der Heiden waren. Aber insofern sie gute Werke im Verhältnis zu einem übernatürlichen letzten Ziel hervorbringen, so haben sie den Charakter der Tugend wahrhaft und vollkommen; und sie können nicht durch menschliche Handlungen erworben werden, sondern werden von Gott eingegossen. Solche moralischen Tugenden können nicht ohne die Liebe sein. Denn es wurde oben dargelegt (Artikel [1]; Quaestio [58], Artikel [4],5), dass die anderen moralischen Tugenden nicht ohne Klugheit sein können; und dass Klugheit nicht ohne die moralischen Tugenden sein kann, weil diese letzteren den Menschen gut zu gewissen Zielen disponieren, die der Ausgangspunkt des Vorgehens der Klugheit sind. Damit nun die Klugheit recht vorgehe, ist es viel notwendiger, dass der Mensch gut auf sein letztes Ziel hin disponiert sei, was die Wirkung der Liebe ist, als dass er in Bezug auf andere Ziele gut disponiert sei, was die Wirkung der moralischen Tugend ist: so wie in spekulativen Dingen die rechte Vernunft am meisten des ersten unbeweisbaren Prinzips bedarf, dass „Widersprüchliches nicht zugleich wahr sein kann“. Es ist daher offensichtlich, dass weder die eingegossene Klugheit ohne die Liebe sein kann; noch folglich die anderen moralischen Tugenden, da sie nicht ohne Klugheit sein können.
Es ist daher klar aus dem Gesagten, dass nur die eingegossenen Tugenden vollkommen sind und verdienen, schlechthin Tugenden genannt zu werden: da sie den Menschen gut auf das letzte Ziel hinordnen. Aber die anderen Tugenden, nämlich jene, die erworben sind, sind Tugenden in einem eingeschränkten Sinne, aber nicht schlechthin: denn sie ordnen den Menschen gut in Bezug auf das letzte Ziel in irgendeiner besonderen Gattung von Handlung, aber nicht in Bezug auf das letzte Ziel schlechthin. Daher sagt eine Glosse des Augustinus [*Cf. Lib. Sentent. Prosperi cvi.] zu den Worten: „Alles, was nicht aus dem Glauben ist, ist Sünde“ (Röm 14,23): „Wer die Wahrheit nicht anerkennt, hat keine wahre Tugend, selbst wenn sein Verhalten gut ist.“
Antwort auf Einwand 1: Tugend bezeichnet in den zitierten Worten unvollkommene Tugend. Sonst, wenn wir moralische Tugend in ihrem vollkommenen Zustand nehmen, „macht sie ihren Besitzer gut“, und folglich kann sie nicht in den Bösen sein.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument gilt für Tugend im Sinne von erworbener Tugend.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Liebe Wissenschaft und Klugheit übertrifft, hängt doch die Klugheit von der Liebe ab, wie dargelegt: und folglich tun dies auch alle eingegossenen moralischen Tugenden.