I-II, q. 61 a. 3
Ob irgendwelche anderen Tugenden eher Haupttugenden genannt werden sollten als diese?
Quaestio 61 · Von den Kardinaltugenden
Einwand 1: Es scheint, dass andere Tugenden eher Haupttugenden genannt werden sollten als diese. Denn anscheinend ist das Größte in jeder Gattung das Prinzipale. Nun hat „die Großherzigkeit (Magnanimitas) einen großen Einfluss auf alle Tugenden“ (Ethik IV, 3). Daher sollte die Großherzigkeit mehr als jede andere eine Haupttugend genannt werden.
Einwand 2: Weiter sollte das, was die anderen Tugenden stärkt, vor allem eine Haupttugend genannt werden. Solcher Art aber ist die Demut: denn Gregor sagt (Hom. iv in Ev.), dass „wer die anderen Tugenden ohne Demut sammelt, wie einer ist, der Stroh gegen den Wind trägt.“ Daher scheint die Demut vor allem eine Haupttugend zu sein.
Einwand 3: Weiter scheint das, was am vollkommensten ist, prinzipal zu sein. Dies aber trifft auf die Geduld zu, gemäß Jakobus 1,4: „Die Geduld aber soll ein vollkommenes Werk haben.“ Daher sollte die Geduld zu den Haupttugenden gerechnet werden.
Dagegen spricht, dass Cicero alle anderen Tugenden auf diese vier zurückführt (De Invent. Rhet. ii).
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [2]), diese vier als Kardinaltugenden gerechnet werden hinsichtlich der vier formalen Prinzipien der Tugend, wie wir sie jetzt verstehen. Diese Prinzipien finden sich hauptsächlich in bestimmten Akten und Leidenschaften. So findet sich das Gute, das im Akt der Vernunft existiert, hauptsächlich im Befehl der Vernunft, nicht aber in ihrem Rat oder ihrem Urteil, wie oben dargelegt (Frage [57], Artikel [6]). Wiederum findet sich das Gute, wie es von der Vernunft bestimmt und in unsere Handlungen als etwas Rechtes und Geschuldetes hineingelegt wird, hauptsächlich in Tauschhandlungen und Verteilungen in Bezug auf eine andere Person und auf der Grundlage der Gleichheit. Das Gute der Zügelung der Leidenschaften findet sich hauptsächlich in jenen Leidenschaften, die am schwierigsten zu zügeln sind, nämlich in den Vergnügungen des Tastsinns. Das Gute, fest am von der Vernunft bestimmten Guten festzuhalten gegen den Impuls der Leidenschaft, findet sich hauptsächlich in Todesgefahren, denen am schwierigsten zu widerstehen ist.
Dementsprechend können die oben genannten vier Tugenden auf zweifache Weise betrachtet werden. Erstens hinsichtlich ihrer gemeinsamen formalen Prinzipien. Auf diese Weise werden sie Haupttugenden genannt, da sie gewissermaßen allgemein im Vergleich zu allen Tugenden sind: so dass zum Beispiel jede Tugend, die das Gute im Betrachtungsakt der Vernunft bewirkt, Klugheit genannt werden kann; jede Tugend, die das Gute des Rechten und Geschuldeten in der Handlung bewirkt, Gerechtigkeit genannt werden kann; jede Tugend, die die Leidenschaften zügelt und unterdrückt, Mäßigung genannt werden kann; und jede Tugend, die den Geist gegen irgendwelche Leidenschaften stärkt, Tapferkeit genannt werden kann. Viele, sowohl heilige Lehrer als auch Philosophen, sprechen in diesem Sinne über diese Tugenden: und auf diese Weise sind die anderen Tugenden unter ihnen enthalten. Weshalb alle Einwände fehlgehen.
Zweitens können sie betrachtet werden hinsichtlich ihrer Benennung, eine jede von dem her, was in ihrer jeweiligen Materie das Vorderste ist, und so sind sie spezifische Tugenden, die mit den anderen geteilt werden. Dennoch werden sie im Vergleich zu den anderen Tugenden Haupttugenden genannt aufgrund der Wichtigkeit ihrer Materie: so dass Klugheit die Tugend ist, die befiehlt; Gerechtigkeit die Tugend, die sich mit geschuldeten Handlungen zwischen Gleichen befasst; Mäßigung die Tugend, die das Verlangen nach den Vergnügungen des Tastsinns unterdrückt; und Tapferkeit die Tugend, die gegen Todesgefahren stärkt. So gehen wiederum die Einwände fehl: weil die anderen Tugenden auf irgendeine andere Weise Haupttugenden sein mögen, diese aber aufgrund ihrer Materie Haupttugenden genannt werden, wie oben dargelegt.