I-II, q. 61 a. 4
Ob die vier Kardinaltugenden voneinander verschieden sind?
Quaestio 61 · Von den Kardinaltugenden
Einwand 1: Es scheint, dass die oben genannten vier Tugenden nicht verschieden und voneinander unterschieden sind. Denn Gregor sagt (Moral. xxii, 1): „Es gibt keine wahre Klugheit, wenn sie nicht gerecht, mäßig und tapfer ist; keine vollkommene Mäßigung, die nicht tapfer, gerecht und klug ist; keine gesunde Tapferkeit, die nicht klug, mäßig und gerecht ist; keine wirkliche Gerechtigkeit ohne Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung.“ Dies aber wäre nicht so, wenn die oben genannten Tugenden voneinander unterschieden wären: da die verschiedenen Arten einer Gattung sich nicht gegenseitig qualifizieren. Daher sind die genannten Tugenden nicht voneinander unterschieden.
Einwand 2: Weiter wird unter voneinander verschiedenen Dingen die Funktion des einen nicht dem anderen zugeschrieben. Aber die Funktion der Mäßigung wird der Tapferkeit zugeschrieben: denn Ambrosius sagt (De Offic. xxxvi): „Zu Recht nennen wir es Tapferkeit, wenn ein Mensch sich selbst besiegt und durch keine Verlockung geschwächt und gebeugt wird.“ Und von der Mäßigung sagt er (De Offic. xliii, xlv), dass sie „Maß und Ordnung in allen Dingen wahrt, die wir zu tun und zu sagen beschließen.“ Daher scheint es, dass diese Tugenden nicht voneinander unterschieden sind.
Einwand 3: Weiter sagt der Philosoph (Ethik II, 4), dass die notwendigen Bedingungen der Tugend vor allem sind: „dass ein Mensch Wissen haben sollte; zweitens, dass er eine Wahl für ein bestimmtes Ziel treffen sollte; drittens, dass er den Habitus besitzen und mit Festigkeit und Beständigkeit handeln sollte.“ Aber das erste davon scheint zur Klugheit zu gehören, die die Richtigkeit der Vernunft in den zu tuenden Dingen ist; das zweite, d.h. die Wahl, gehört zur Mäßigung, wodurch ein Mensch, indem er seine Leidenschaften im Zaum hält, nicht aus Leidenschaft, sondern aus Wahl handelt; das dritte, dass ein Mensch um eines geschuldeten Zieles willen handeln sollte, impliziert eine gewisse Richtigkeit, die anscheinend zur Gerechtigkeit gehört; während das letzte, nämlich Festigkeit und Beständigkeit, zur Tapferkeit gehört. Daher ist jede dieser Tugenden allgemein im Vergleich zu anderen Tugenden. Daher sind sie nicht voneinander unterschieden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Moribus Eccl. xi), dass „es vier Tugenden gibt, die den verschiedenen Regungen der Liebe entsprechen“, und er wendet dies auf die vier oben genannten Tugenden an. Daher sind dieselben vier Tugenden voneinander unterschieden.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [3]), diese vier Tugenden von verschiedenen Autoren unterschiedlich verstanden werden. Denn einige fassen sie so auf, dass sie gewisse allgemeine Bedingungen des menschlichen Geistes bezeichnen, die in allen Tugenden zu finden sind: so dass nämlich Klugheit lediglich eine gewisse Richtigkeit der Unterscheidung in irgendwelchen Handlungen oder Angelegenheiten ist; Gerechtigkeit eine gewisse Richtigkeit des Geistes, wodurch ein Mensch in irgendwelchen Angelegenheiten tut, was er soll; Mäßigung eine Disposition des Geistes, die irgendwelche Leidenschaften oder Handlungen mäßigt, um sie in Grenzen zu halten; und Tapferkeit eine Disposition, wodurch die Seele für das gestärkt wird, was in Übereinstimmung mit der Vernunft ist, gegen irgendwelche Angriffe der Leidenschaften oder die Mühsal, die mit irgendwelchen Handlungen verbunden ist. Diese vier Tugenden auf diese Weise zu unterscheiden, impliziert nicht, dass Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit verschiedene tugendhafte Habitus sind: weil es sich geziemt, dass jede sittliche Tugend, aufgrund der Tatsache, dass sie ein „Habitus“ ist, von einer gewissen Festigkeit begleitet wird, um nicht von ihrem Gegenteil bewegt zu werden: und dies, so haben wir gesagt, gehört zur Tapferkeit. Überdies, insofern sie eine „Tugend“ ist, ist sie auf das Gute ausgerichtet, welches den Begriff des Rechten und Geschuldeten einschließt; und dies, so haben wir gesagt, gehört zur Gerechtigkeit. Wiederum, aufgrund der Tatsache, dass sie eine „sittliche Tugend“ ist, die an der Vernunft teilhat, beachtet sie in allen Dingen das Maß der Vernunft und überschreitet ihre Grenzen nicht, was, wie gesagt wurde, zur Mäßigung gehört. Nur im Punkt des Besitzes der Unterscheidungskraft, die wir der Klugheit zugeschrieben haben, scheint es eine Unterscheidung von den anderen drei zu geben, insofern die Unterscheidungskraft wesentlich zur Vernunft gehört; wohingegen die anderen drei einen gewissen Anteil der Vernunft durch eine Art Anwendung (der Vernunft) auf Leidenschaften oder Handlungen implizieren. Gemäß der obigen Erklärung wäre also die Klugheit von den anderen drei Tugenden unterschieden: diese aber wären nicht voneinander unterschieden; denn es ist offensichtlich, dass ein und dieselbe Tugend sowohl Habitus als auch Tugend als auch sittliche Tugend ist.
Andere jedoch fassen diese vier Tugenden mit besserem Grund so auf, dass sie ihre spezielle bestimmte Materie haben; jede ihre eigene Materie, in welcher jener allgemeinen Bedingung, von der der Name der Tugend genommen ist, besonderes Lob zuteilwird, wie oben dargelegt (Artikel [3]). Auf diese Weise ist es klar, dass die genannten Tugenden verschiedene Habitus sind, unterschieden hinsichtlich ihrer verschiedenen Objekte.
Antwort auf Einwand 1: Gregor spricht von diesen vier Tugenden im ersten oben genannten Sinne. Es kann auch gesagt werden, dass diese vier Tugenden sich gegenseitig durch eine Art Überfließen qualifizieren. Denn die Qualitäten der Klugheit fließen auf die anderen Tugenden über, insofern sie von der Klugheit geleitet werden. Und jede der anderen fließt auf den Rest über, aus dem Grund, dass wer das tun kann, was schwerer ist, auch das tun kann, was weniger schwierig ist. Weshalb wer seine Begierden nach den Vergnügungen des Tastsinns zügeln kann, so dass sie in Grenzen bleiben, was eine sehr schwere Sache ist, aus eben diesem Grund fähiger ist, seinen Wagemut in Todesgefahren zu zügeln, um nicht zu weit zu gehen, was viel leichter ist; und in diesem Sinne wird die Tapferkeit mäßig genannt. Wiederum wird die Mäßigung tapfer genannt aufgrund des Überfließens der Tapferkeit in die Mäßigung: insofern nämlich derjenige, dessen Geist durch Tapferkeit gegen Todesgefahren gestärkt ist, was eine Sache von sehr großer Schwierigkeit ist, fähiger ist, fest gegen den Ansturm der Vergnügungen zu bleiben; denn wie Cicero sagt (De Offic. i), „wäre es widersinnig, wenn ein Mensch durch Furcht ungebrochen, und doch durch Begierde besiegt wäre; oder dass er durch Lust bezwungen würde, nachdem er sich als unbezwungen durch Mühsal erwiesen hat.“
Hieraus wird die Antwort auf den zweiten Einwand klar. Denn die Mäßigung wahrt die Mitte in allen Dingen, und die Tapferkeit hält den Geist ungebeugt durch die Verlockungen der Vergnügungen, entweder insofern diese Tugenden so verstanden werden, dass sie gewisse allgemeine Bedingungen der Tugend bezeichnen, oder in dem Sinne, dass sie aufeinander überfließen, wie oben erklärt.
Antwort auf Einwand 3: Diese vier allgemeinen Bedingungen der Tugend, die vom Philosophen aufgestellt wurden, sind den genannten Tugenden nicht eigentümlich. Sie können ihnen jedoch zugeeignet werden, in der oben dargelegten Weise.