I-II, q. 61 a. 1
Ob die sittlichen Tugenden Kardinal- oder Haupttugenden genannt werden sollen?
Quaestio 61 · Von den Kardinaltugenden
Einwand 1: Es scheint, dass die sittlichen Tugenden nicht Kardinal- oder Haupttugenden genannt werden sollten. Denn „die gegensätzlichen Glieder einer Einteilung sind von Natur aus gleichzeitig“ (Kategorien x), so dass eines nicht vorrangiger ist als das andere. Nun sind alle Tugenden gegensätzliche Glieder der Einteilung der Gattung „Tugend“. Daher sollte keine von ihnen als Haupttugend bezeichnet werden.
Einwand 2: Weiter ist das Ziel vorrangig im Vergleich zu den Mitteln. Die theologischen Tugenden aber beziehen sich auf das Ziel, während die sittlichen Tugenden sich auf die Mittel beziehen. Daher sollten eher die theologischen Tugenden als die sittlichen Tugenden Haupt- oder Kardinaltugenden genannt werden.
Einwand 3: Weiter ist das, was dem Wesen nach so ist, vorrangig im Vergleich zu dem, was durch Teilhabe so ist. Die intellektuellen Tugenden aber gehören zu dem, was dem Wesen nach vernünftig ist; die sittlichen Tugenden hingegen gehören zu dem, was durch Teilhabe vernünftig ist, wie oben dargelegt wurde (Frage [58], Artikel [3]). Daher sind die intellektuellen Tugenden eher Haupttugenden als die sittlichen Tugenden.
Dagegen spricht, dass Ambrosius bei der Auslegung der Worte „Selig sind die Armen im Geiste“ (Lk 6,20) sagt: „Wir wissen, dass es vier Kardinaltugenden gibt, nämlich Mäßigung, Gerechtigkeit, Klugheit und Tapferkeit.“ Dies aber sind sittliche Tugenden. Also sind die sittlichen Tugenden Kardinaltugenden.
Ich antworte darauf, dass, wenn wir von Tugend schlechthin sprechen, wir darunter die menschliche Tugend verstehen. Die menschliche Tugend nun ist, wie oben dargelegt (Frage [56], Artikel [3]), jene, die dem vollkommenen Begriff der Tugend entspricht, welcher die Richtigkeit des Strebevermögens erfordert: Denn eine solche Tugend verleiht nicht nur das Vermögen, gut zu handeln, sondern bewirkt auch die gute Tat selbst. Andererseits wird der Name Tugend auf eine solche angewandt, die dem Begriff der Tugend nur unvollkommen entspricht und keine Richtigkeit des Strebevermögens erfordert: weil sie lediglich das Vermögen verleiht, gut zu handeln, ohne zu bewirken, dass die gute Tat auch getan wird. Nun ist es offensichtlich, dass das Vollkommene im Vergleich zum Unvollkommenen vorrangig ist: und so werden jene Tugenden, die die Richtigkeit des Strebevermögens einschließen, Haupttugenden genannt. Solcher Art sind die sittlichen Tugenden, und unter den intellektuellen Tugenden allein die Klugheit, denn sie ist auch gewissermaßen eine sittliche Tugend, wie oben klar gezeigt wurde (Frage [57], Artikel [4]). Folglich werden jene Tugenden, die Haupt- oder Kardinaltugenden genannt werden, passenderweise unter die sittlichen Tugenden gerechnet.
Antwort auf Einwand 1: Wenn eine univoke Gattung in ihre Arten unterteilt wird, sind die Glieder der Einteilung hinsichtlich des Gattungsbegriffs gleichgestellt; obwohl, betrachtet in ihrer Natur als Dinge, eine Art die andere an Rang und Vollkommenheit übertreffen kann, wie der Mensch im Vergleich zu anderen Tieren. Wenn wir jedoch einen analogen Begriff unterteilen, der von mehreren Dingen ausgesagt wird, aber von einem früher als von einem anderen, so hindert nichts daran, dass eines vor dem anderen rangiert, selbst hinsichtlich des allgemeinen Begriffs; so wie der Begriff des Seins von der Substanz vorrangig im Vergleich zum Akzidens ausgesagt wird. Von solcher Art ist die Einteilung der Tugend in verschiedene Arten von Tugend: da das durch die Vernunft bestimmte Gute nicht in allen Dingen auf die gleiche Weise gefunden wird.
Antwort auf Einwand 2: Die theologischen Tugenden stehen über dem Menschen, wie oben dargelegt (Frage [58], Artikel [3], zu 3). Daher sollten sie eigentlich nicht menschliche, sondern „übermenschliche“ oder göttliche Tugenden genannt werden.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die intellektuellen Tugenden, mit Ausnahme der Klugheit, hinsichtlich ihres Subjekts vor den sittlichen Tugenden rangieren, rangieren sie nicht vor ihnen als Tugenden; denn eine Tugend als solche bezieht sich auf das Gute, welches das Objekt des Strebevermögens ist.