I-II, q. 60 a. 2
Ob die moralischen Tugenden, die sich auf Tätigkeiten beziehen, verschieden sind von jenen, die sich auf Leidenschaften beziehen?
Quaestio 60 · Wie sich die sittlichen Tugenden voneinander unterscheiden.
1. Einwand: Es scheint, dass die moralischen Tugenden nicht in solche unterteilt werden, die sich auf Tätigkeiten beziehen, und solche, die sich auf Leidenschaften beziehen. Denn der Philosoph sagt (Ethik ii, 3), dass die moralische Tugend ein „tätiger Habitus ist, durch den wir das Beste tun in Dingen der Lust oder der Trauer.“ Nun sind Lust und Trauer Leidenschaften, wie oben gesagt (Frage [31], Artikel [1]; Frage [35], Artikel [1]). Daher bezieht sich dieselbe Tugend, die sich auf Leidenschaften bezieht, auch auf Tätigkeiten, da sie ein tätiger Habitus ist.
2. Einwand: Ferner sind die Leidenschaften Prinzipien äußerer Handlung. Wenn also einige Tugenden die Leidenschaften regulieren, müssen sie folglich auch die Tätigkeiten regulieren. Daher beziehen sich dieselben moralischen Tugenden sowohl auf Leidenschaften als auch auf Tätigkeiten.
3. Einwand: Ferner wird das sinnliche Begehrungsvermögen gut oder schlecht zu jeder äußeren Tätigkeit hin bewegt. Nun sind Bewegungen des sinnlichen Begehrungsvermögens Leidenschaften. Daher beziehen sich dieselben Tugenden, die sich auf Tätigkeiten beziehen, auch auf Leidenschaften.
Dagegen spricht, dass der Philosoph die Gerechtigkeit zu den Tätigkeiten rechnet; und Mäßigung, Tapferkeit und Sanftmut zu den Leidenschaften (Ethik ii, 3,7; v, 1, ff.).
Ich antworte darauf, dass Tätigkeit und Leidenschaft in zweifacher Beziehung zur Tugend stehen. Erstens als ihre Wirkungen; und auf diese Weise hat jede moralische Tugend einige gute Tätigkeiten als ihr Produkt; und eine gewisse Lust oder Trauer, welche Leidenschaften sind, wie oben gesagt (Frage [59], Artikel [4], zu 1).
Zweitens kann die Tätigkeit mit der moralischen Tugend verglichen werden als die Materie, mit der sich die Tugend befasst: und in diesem Sinne müssen jene moralischen Tugenden, die sich auf Tätigkeiten beziehen, notwendigerweise von jenen verschieden sein, die sich auf Leidenschaften beziehen. Der Grund hierfür ist, dass Gut und Böse in gewissen Tätigkeiten aus der Natur dieser Tätigkeiten selbst genommen werden, ganz gleich, wie der Mensch ihnen gegenüber affiziert sein mag: nämlich insofern Gut und Böse in ihnen davon abhängen, dass sie einem anderen angemessen sind. In Tätigkeiten dieser Art bedarf es einer Kraft, um die Tätigkeiten an sich zu regulieren: solche sind Kauf und Verkauf und alle derartigen Tätigkeiten, in denen ein Element dessen liegt, was einem anderen geschuldet oder nicht geschuldet ist. Aus diesem Grund beziehen sich die Gerechtigkeit und ihre Teile eigentlich auf Tätigkeiten als ihre eigentliche Materie. Andererseits hängen in einigen Tätigkeiten Gut und Böse nur von der Angemessenheit für den Handelnden ab. Folglich hängen Gut und Böse in diesen Tätigkeiten von der Art und Weise ab, wie der Mensch zu ihnen affiziert ist. Und aus diesem Grund muss sich die Tugend in solchen Tätigkeiten hauptsächlich auf innere Regungen beziehen, die Leidenschaften der Seele genannt werden, wie es offensichtlich bei der Mäßigung, der Tapferkeit und dergleichen der Fall ist.
Es geschieht jedoch bei Tätigkeiten, die auf einen anderen gerichtet sind, dass das Gut der Tugend aufgrund einer ungeordneten Leidenschaft der Seele übersehen wird. In solchen Fällen wird die Gerechtigkeit zerstört, insofern das geschuldete Maß des äußeren Aktes zerstört wird: während irgendeine andere Tugend zerstört wird, insofern die inneren Leidenschaften ihr geschuldetes Maß überschreiten. So wird, wenn ein Mann aus Zorn einen anderen schlägt, die Gerechtigkeit durch den ungebührlichen Schlag zerstört; während die Sanftmut durch den unmäßigen Zorn zerstört wird. Dasselbe lässt sich klar auf andere Tugenden anwenden.
Dies genügt für die Antworten auf die Einwände. Denn der erste betrachtet Tätigkeiten als die Wirkung der Tugend, während die anderen beiden Tätigkeit und Leidenschaft als in derselben Wirkung zusammenlaufend betrachten. Aber in einigen Fällen bezieht sich die Tugend hauptsächlich auf Tätigkeiten, in anderen auf Leidenschaften, aus dem oben genannten Grund.