I-II, q. 60 a. 1
Ob es nur eine einzige moralische Tugend gibt?
Quaestio 60 · Wie sich die sittlichen Tugenden voneinander unterscheiden.
1. Einwand: Es scheint, dass es nur eine einzige moralische Tugend gibt. Denn wie die Lenkung der moralischen Handlungen der Vernunft zukommt, welche das Subjekt der intellektuellen Tugenden ist, so kommt ihre Neigung dem Begehrungsvermögen zu, welches das Subjekt der moralischen Tugenden ist. Nun gibt es aber nur eine intellektuelle Tugend, um alle moralischen Akte zu lenken, nämlich die Klugheit. Also gibt es auch nur eine moralische Tugend, um allen moralischen Akten ihre jeweiligen Neigungen zu geben.
2. Einwand: Ferner unterscheiden sich Habitus nicht hinsichtlich ihrer materiellen Objekte, sondern gemäß dem formalen Aspekt ihrer Objekte. Nun ist der formale Aspekt des Guten, auf den die moralische Tugend gerichtet ist, ein einziger, nämlich die durch die Vernunft bestimmte Mitte. Daher gibt es scheinbar nur eine einzige moralische Tugend.
3. Einwand: Ferner werden Dinge, die zur Moral gehören, durch ihr Ziel spezifiziert, wie oben gesagt wurde (Frage [1], Artikel [3]). Nun gibt es aber nur ein gemeinsames Ziel aller moralischen Tugenden, nämlich die Glückseligkeit, während die eigenen und nächsten Ziele unendlich an der Zahl sind. Die moralischen Tugenden selbst sind aber nicht unendlich an der Zahl. Daher scheint es, dass es nur eine gibt.
Dagegen spricht, dass ein Habitus nicht in mehreren Vermögen sein kann, wie oben gesagt wurde (Frage [56], Artikel [2]). Das Subjekt der moralischen Tugenden ist aber der begehrende Teil der Seele, der in mehrere Vermögen unterteilt ist, wie im ersten Teil (FP, Frage [80], Artikel [2]; FP, Frage [81], Artikel [2]) dargelegt wurde. Daher kann es nicht nur eine einzige moralische Tugend geben.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Frage [58], Artikel [1], 2, 3), die moralischen Tugenden Habitus des Begehrungsvermögens sind. Nun unterscheiden sich Habitus der Art nach gemäß den spezifischen Unterschieden ihrer Objekte, wie oben gesagt (Frage [54], Artikel [2]). Wiederum hängt die Spezies des Objekts des Begehrens, wie bei jedem Ding, von seiner spezifischen Form ab, die es vom Wirkenden empfängt. Wir müssen jedoch beachten, dass die Materie des passiven Subjekts in zweifacher Beziehung zum Wirkenden steht. Denn manchmal empfängt sie die Form des Wirkenden in derselben spezifischen Art, wie das Wirkende diese Form besitzt, wie es bei allen univoken Wirkursachen geschieht, so dass, wenn das Wirkende der Spezies nach eines ist, die Materie notwendigerweise eine der Spezies nach eine Form empfangen muss: so ist die univoke Wirkung von Feuer notwendigerweise etwas in der Spezies des Feuers. Manchmal jedoch empfängt die Materie die Form vom Wirkenden, aber nicht in derselben spezifischen Art wie das Wirkende, wie es bei nicht-univoken Ursachen der Entstehung der Fall ist: so wird ein Tier durch die Sonne erzeugt. In diesem Fall sind die in der Materie empfangenen Formen nicht von einer Spezies, sondern variieren gemäß der Anpassungsfähigkeit der Materie, den Einfluss des Wirkenden zu empfangen: Wir sehen zum Beispiel, dass aufgrund der einen Einwirkung der Sonne Tiere verschiedener Spezies durch Fäulnis hervorgebracht werden, gemäß der verschiedenen Anpassungsfähigkeit der Materie.
Nun ist es offensichtlich, dass in moralischen Dingen die Vernunft die Stelle des Befehlenden und Bewegenden einnimmt, während das Begehrungsvermögen das Befohlene und Bewegte ist. Aber das Begehren empfängt die Lenkung der Vernunft sozusagen nicht univok; denn es ist rational nicht dem Wesen nach, sondern durch Teilhabe (Ethik i, 13). Folglich gehören Objekte, die durch die Lenkung der Vernunft begehrenswert gemacht werden, zu verschiedenen Spezies, gemäß ihren verschiedenen Beziehungen zur Vernunft: so dass daraus folgt, dass die moralischen Tugenden von verschiedener Spezies sind und nicht nur eine einzige.
Antwort auf den 1. Einwand: Das Objekt der Vernunft ist die Wahrheit. Nun gibt es in allen moralischen Angelegenheiten, die kontingente Handlungsangelegenheiten sind, nur eine Art von Wahrheit. Folglich gibt es nur eine Tugend, um alle solche Angelegenheiten zu lenken, nämlich die Klugheit. Andererseits ist das Objekt des Begehrungsvermögens das begehrenswerte Gut, welches der Art nach variiert gemäß seinen verschiedenen Beziehungen zur Vernunft, der lenkenden Kraft.
Antwort auf den 2. Einwand: Dieses formale Element ist der Gattung nach eines, aufgrund der Einheit des Wirkenden: aber es variiert in der Spezies, aufgrund der verschiedenen Beziehungen der empfangenden Materie, wie oben erklärt.
Antwort auf den 3. Einwand: Moralische Angelegenheiten empfangen ihre Spezies nicht vom letzten Ziel, sondern von ihren nächsten Zielen: und diese sind, obwohl sie unendlich an der Zahl sind, nicht unendlich in der Spezies.