I-II, q. 59 a. 5
Ob es sittliche Tugend ohne Leidenschaft geben kann?
Quaestio 59 · Von der sittlichen Tugend in Beziehung zu den Leidenschaften
Einwand 1: Es scheint, dass sittliche Tugend ohne Leidenschaft sein kann. Denn je vollkommener die sittliche Tugend ist, desto mehr überwindet sie die Leidenschaften. Also ist sie auf ihrem höchsten Punkt der Vollkommenheit gänzlich ohne Leidenschaft.
Einwand 2: Ferner ist ein Ding dann vollkommen, wenn es von seinem Gegenteil entfernt ist und von allem, was zu seinem Gegenteil hinneigt. Nun neigen uns die Leidenschaften zur Sünde, welche der Tugend entgegengesetzt ist: daher werden sie (Röm 7,5) „Leidenschaften der Sünden“ genannt. Also ist vollkommene Tugend gänzlich ohne Leidenschaft.
Einwand 3: Ferner werden wir durch die Tugend Gott gleichförmig, wie Augustinus erklärt (De Moribus Eccl. vi, xi, xiii). Aber Gott tut alle Dinge gänzlich ohne Leidenschaft. Also ist die vollkommenste Tugend ohne jede Leidenschaft.
Dagegen spricht: „Kein Mensch ist gerecht, der sich nicht an seinen Taten freut“, wie in Ethik I, 8 gesagt wird. Aber Freude ist eine Leidenschaft. Also kann Gerechtigkeit nicht ohne Leidenschaft sein; und noch weniger können es die anderen Tugenden sein.
Ich antworte darauf, dass, wenn wir die Leidenschaften als ungeordnete Regungen nehmen, wie die Stoiker es taten, es offensichtlich ist, dass in diesem Sinne vollkommene Tugend ohne die Leidenschaften ist. Aber wenn wir unter Leidenschaften irgendeine Bewegung des sinnlichen Begehrungsvermögens verstehen, ist es klar, dass sittliche Tugenden, die sich auf die Leidenschaften als ihre eigentliche Materie beziehen, nicht ohne Leidenschaften sein können. Der Grund hierfür ist, dass sonst folgen würde, dass die sittliche Tugend das sinnliche Begehrungsvermögen gänzlich untätig macht: wohingegen es nicht die Funktion der Tugend ist, die der Vernunft untergeordneten Kräfte ihrer eigentlichen Aktivitäten zu berauben, sondern sie dazu zu bringen, die Befehle der Vernunft auszuführen, indem sie ihre eigentlichen Akte ausüben. Weshalb, so wie die Tugend die körperlichen Glieder zu ihren gebührenden äußeren Akten lenkt, so lenkt sie das sinnliche Begehrungsvermögen zu seinen eigentlichen geregelten Bewegungen.
Jene sittlichen Tugenden jedoch, die sich nicht auf die Leidenschaften, sondern auf Tätigkeiten beziehen, können ohne Leidenschaften sein. Eine solche Tugend ist die Gerechtigkeit: weil sie den Willen auf seinen eigentlichen Akt anwendet, welcher keine Leidenschaft ist. Dennoch resultiert Freude aus dem Akt der Gerechtigkeit; zumindest im Willen, in welchem Fall sie keine Leidenschaft ist. Und wenn diese Freude durch die Vollkommenheit der Gerechtigkeit zunimmt, wird sie in das sinnliche Begehrungsvermögen überströmen; insofern die niederen Kräfte der Bewegung der höheren folgen, wie oben gesagt wurde (Frage [17], Artikel [7]; Frage [24], Artikel [3]). Weshalb aufgrund dieser Art von Überströmen, je vollkommener eine Tugend ist, sie desto mehr Leidenschaft verursacht.
Antwort auf Einwand 1: Tugend überwindet ungeordnete Leidenschaft; sie bewirkt geordnete Leidenschaft.
Antwort auf Einwand 2: Es ist die ungeordnete, nicht die geordnete Leidenschaft, die zur Sünde führt.
Antwort auf Einwand 3: Das Gute eines jeden Dinges hängt von der Beschaffenheit seiner Natur ab. Nun gibt es kein sinnliches Begehrungsvermögen in Gott und den Engeln, wie es im Menschen ist. Folglich ist die gute Tätigkeit in Gott und den Engeln gänzlich ohne Leidenschaft, wie sie ohne einen Körper ist: wohingegen die gute Tätigkeit des Menschen mit Leidenschaft ist, so wie sie auch mit Hilfe des Körpers hervorgebracht wird.