I-II, q. 59 a. 4
Ob alle sittlichen Tugenden sich auf die Leidenschaften beziehen?
Quaestio 59 · Von der sittlichen Tugend in Beziehung zu den Leidenschaften
Einwand 1: Es scheint, dass alle sittlichen Tugenden die Leidenschaften betreffen. Denn der Philosoph sagt (Ethik II, 3), dass „sittliche Tugend Gegenstände von Lust und Traurigkeit betrifft.“ Aber Lust und Traurigkeit sind Leidenschaften, wie oben gesagt wurde (Frage [23], Artikel [4]; Frage [31], Artikel [1]; Frage [35], Artikel [1], 2). Also beziehen sich alle sittlichen Tugenden auf die Leidenschaften.
Einwand 2: Ferner ist das Subjekt der sittlichen Tugenden ein Vermögen, das durch Teilhabe vernünftig ist, wie der Philosoph feststellt (Ethik I, 13). Aber die Leidenschaften sind in diesem Teil der Seele, wie oben gesagt wurde (Frage [22], Artikel [3]). Also bezieht sich jede sittliche Tugend auf die Leidenschaften.
Einwand 3: Ferner findet sich irgendeine Leidenschaft in jeder sittlichen Tugend: und so beziehen sich entweder alle auf die Leidenschaften oder keine. Aber einige beziehen sich auf die Leidenschaften, wie Tapferkeit und Mäßigung, wie in Ethik III, 6,10 gesagt wird. Also beziehen sich alle sittlichen Tugenden auf die Leidenschaften.
Dagegen spricht, dass die Gerechtigkeit, welche eine sittliche Tugend ist, sich nicht auf die Leidenschaften bezieht; wie in Ethik V, 1 ff. gesagt wird.
Ich antworte darauf, dass die sittliche Tugend den begehrenden Teil der Seele vervollkommnet, indem sie ihn auf das Gute lenkt, wie es durch die Vernunft bestimmt ist. Nun ist das Gute, wie es durch die Vernunft bestimmt ist, dasjenige, was durch die Vernunft gemäßigt oder gelenkt wird. Folglich gibt es sittliche Tugenden über alle Angelegenheiten, die der Lenkung und Mäßigung der Vernunft unterliegen. Nun lenkt die Vernunft nicht nur die Leidenschaften des sinnlichen Begehrungsvermögens, sondern auch die Tätigkeiten des geistigen Begehrungsvermögens, d.h. des Willens, welcher nicht das Subjekt einer Leidenschaft ist, wie oben gesagt wurde (Frage [22], Artikel [3]). Also beziehen sich nicht alle sittlichen Tugenden auf Leidenschaften, sondern einige auf Leidenschaften, einige auf Tätigkeiten.
Antwort auf Einwand 1: Die sittlichen Tugenden beziehen sich nicht alle auf Lüste und Traurigkeiten als ihre eigentliche Materie; sondern als etwas, das aus ihren eigentlichen Akten resultiert. Denn jeder tugendhafte Mensch freut sich an Akten der Tugend und trauert über das Gegenteil. Daher fügt der Philosoph nach den zitierten Worten hinzu: „wenn Tugenden sich auf Handlungen und Leidenschaften beziehen; nun folgt jeder Handlung und Leidenschaft Lust oder Traurigkeit, sodass auf diese Weise Tugend sich auf Lüste und Traurigkeiten bezieht“, nämlich als auf etwas, das aus der Tugend resultiert.
Antwort auf Einwand 2: Nicht nur das sinnliche Begehrungsvermögen, welches das Subjekt der Leidenschaften ist, ist durch Teilhabe vernünftig, sondern auch der Wille, wo es keine Leidenschaften gibt, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Einige Tugenden haben Leidenschaften als ihre eigentliche Materie, aber einige Tugenden nicht. Daher gilt der Vergleich nicht für alle Fälle.