I-II, q. 59 a. 3
Ob Traurigkeit mit der sittlichen Tugend vereinbar ist?
Quaestio 59 · Von der sittlichen Tugend in Beziehung zu den Leidenschaften
Einwand 1: Es scheint, dass Traurigkeit unvereinbar mit Tugend ist. Denn die Tugenden sind Wirkungen der Weisheit, gemäß Weish. 8,7: „Sie“, d.h. die göttliche Weisheit, „lehrt Mäßigung und Klugheit und Gerechtigkeit und Tapferkeit.“ Nun hat der „Umgang“ der Weisheit „keine Bitterkeit“, wie wir weiter unten lesen (Vers 16). Also ist Traurigkeit auch mit der Tugend unvereinbar.
Einwand 2: Ferner ist Traurigkeit ein Hindernis für die Arbeit, wie der Philosoph feststellt (Ethik VII, 13; X, 5). Aber ein Hindernis für gute Werke ist unvereinbar mit Tugend. Also ist Traurigkeit unvereinbar mit Tugend.
Einwand 3: Ferner nennt Tullius Traurigkeit eine Krankheit des Geistes (De Tusc. Quaest. iv). Aber Krankheit des Geistes ist unvereinbar mit Tugend, welche eine gute Verfassung des Geistes ist. Also ist Traurigkeit der Tugend entgegengesetzt und mit ihr unvereinbar.
Dagegen spricht, dass Christus vollkommen in der Tugend war. Aber in Ihm war Traurigkeit, denn Er sagte (Mt 26,38): „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod.“ Also ist Traurigkeit mit Tugend vereinbar.
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 8), die Stoiker lehrten, dass im Geist des Weisen drei {eupatheiai}, d.h. „drei gute Leidenschaften“, anstelle der drei Störungen sind: nämlich anstelle von Begierde „Verlangen“; anstelle von Ausgelassenheit „Freude“; anstelle von Furcht „Vorsicht“. Aber sie leugneten, dass etwas der Traurigkeit Entsprechendes im Geist eines Weisen sein könne, und zwar aus zwei Gründen.
Erstens, weil Traurigkeit über ein Übel ist, das bereits gegenwärtig ist. Nun lehrten sie, dass einem Weisen kein Übel widerfahren kann: denn sie dachten, dass, so wie des Menschen einziges Gut die Tugend ist und körperliche Güter kein Gut für den Menschen sind, so des Menschen einziges Übel das Laster ist, welches nicht in einem tugendhaften Menschen sein kann. Aber dies ist unvernünftig. Denn da der Mensch aus Seele und Leib zusammengesetzt ist, ist alles, was zur Erhaltung des Lebens des Leibes beiträgt, irgendein Gut für den Menschen; jedoch nicht sein höchstes Gut, weil er es missbrauchen kann. Folglich kann das Übel, welches diesem Gut entgegengesetzt ist, in einem Weisen sein und ihm mäßige Traurigkeit verursachen. Wiederum, obwohl ein tugendhafter Mensch ohne schwere Sünde sein kann, ist doch kein Mensch zu finden, der lebt, ohne leichte Sünden zu begehen, gemäß 1 Joh 1,8: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, täuschen wir uns selbst.“ Ein dritter Grund ist, weil ein tugendhafter Mensch, obwohl er sich nicht aktuell im Zustand der Sünde befindet, dies in der Vergangenheit gewesen sein mag. Und er ist zu loben, wenn er über jene Sünde trauert, gemäß 2 Kor 7,10: „Die Traurigkeit, die nach Gott ist, wirkt eine Buße zum Heil, die nicht gereut.“ Viertens, weil er lobenswerterweise über die Sünde eines anderen trauern kann. Also ist Traurigkeit mit der sittlichen Tugend auf dieselbe Weise vereinbar wie die anderen Leidenschaften, wenn sie durch die Vernunft gemäßigt sind.
Ihr zweiter Grund für diese Meinung war, dass Traurigkeit über ein gegenwärtiges Übel ist, wohingegen Furcht vor einem zukünftigen Übel ist: ebenso wie Lust über ein gegenwärtiges Gut ist, während Verlangen nach einem zukünftigen Gut ist. Nun kann der Genuss eines besessenen Gutes oder das Verlangen, ein Gut zu haben, das man nicht besitzt, mit der Tugend bestehen: aber Niedergeschlagenheit des Geistes, die aus der Traurigkeit über ein gegenwärtiges Übel resultiert, ist gänzlich gegen die Vernunft: weshalb sie unvereinbar mit der Tugend ist. Aber dies ist unvernünftig. Denn es gibt ein Übel, das dem tugendhaften Menschen gegenwärtig sein kann, wie wir gerade festgestellt haben; welches Übel von der Vernunft abgelehnt wird. Weshalb das sinnliche Begehrungsvermögen der Ablehnung der Vernunft folgt, indem es über jenes Übel trauert; jedoch mäßig, so wie die Vernunft es diktiert. Nun gehört es zur Tugend, dass das sinnliche Begehrungsvermögen der Vernunft angeglichen sei, wie oben gesagt wurde (Artikel [1], ad 2). Weshalb mäßige Traurigkeit über einen Gegenstand, der uns traurig machen sollte, ein Zeichen von Tugend ist; wie auch der Philosoph sagt (Ethik II, 6,7). Überdies erweist sich dies als nützlich zur Vermeidung des Bösen: da, so wie das Gute bereitwilliger um der Lust willen gesucht wird, so das Böse unerschrockener aufgrund der Traurigkeit gemieden wird.
Dementsprechend müssen wir zugestehen, dass Traurigkeit über Dinge, die zur Tugend gehören, unvereinbar mit der Tugend ist: da die Tugend sich an dem Ihrigen freut. Andererseits trauert die Tugend mäßig über alles, was die Tugend vereitelt, egal wie.
Antwort auf Einwand 1: Die zitierte Stelle beweist, dass der Weise nicht durch Weisheit traurig gemacht wird. Doch trauert er über alles, was die Weisheit hindert. Folglich gibt es keinen Raum für Traurigkeit bei den Seligen, in denen es kein Hindernis für die Weisheit geben kann.
Antwort auf Einwand 2: Traurigkeit hindert die Arbeit, die uns traurig macht: aber sie hilft uns, bereitwilliger alles zu tun, was die Traurigkeit vertreibt.
Antwort auf Einwand 3: Unmäßige Traurigkeit ist eine Krankheit des Geistes: aber mäßige Traurigkeit ist das Zeichen eines wohlbeschaffenen Geistes, gemäß dem gegenwärtigen Zustand des Lebens.