I-II, q. 58 a. 1
Ob jede Tugend eine sittliche Tugend ist?
Quaestio 58 · Vom Unterschied zwischen den sittlichen und den intellektuellen Tugenden.
Einwand 1: Es scheint, dass jede Tugend eine sittliche Tugend ist. Denn die sittliche Tugend (virtus moralis) hat ihren Namen vom lateinischen Wort „mos“, d. h. Sitte oder Gewohnheit. Nun können wir uns an die Akte aller Tugenden gewöhnen. Also ist jede Tugend eine sittliche Tugend.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. ii, 6), die sittliche Tugend sei „ein Habitus der Wahl, der die vernunftgemäße Mitte hält“. Aber jede Tugend ist ein Habitus der Wahl: denn die Akte jeder Tugend können aus Wahl vollzogen werden. Zudem besteht jede Tugend darin, in irgendeiner Weise der vernunftgemäßen Mitte zu folgen, wie wir später erklären werden (Quaestio [64], Artikel [1], 2, 3). Also ist jede Tugend eine sittliche Tugend.
Einwand 3: Ferner sagt Cicero (De Invent. Rhet. ii), die „Tugend sei ein Habitus nach Art einer zweiten Natur, in Übereinstimmung mit der Vernunft“. Da aber jede menschliche Tugend auf das Gut des Menschen ausgerichtet ist, muss sie in Übereinstimmung mit der Vernunft sein: denn das Gut des Menschen „besteht darin, dass es mit seiner Vernunft übereinstimmt“, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv). Also ist jede Tugend eine sittliche Tugend.
Dagegen spricht, was der Philosoph sagt (Ethic. i, 13): „Wenn wir von den Sitten eines Menschen sprechen, sagen wir nicht, er sei weise oder verständig, sondern er sei sanftmütig oder mäßig.“ Demnach sind Weisheit und Verstand keine sittlichen Tugenden: und doch sind sie Tugenden, wie oben dargelegt (Quaestio [57], Artikel [2]). Also ist nicht jede Tugend eine sittliche Tugend.
Ich antworte darauf, Um diese Frage klar zu beantworten, müssen wir die Bedeutung des lateinischen Wortes „mos“ betrachten; denn so werden wir entdecken können, was eine „moralische“ bzw. sittliche Tugend ist. Nun hat „mos“ eine zweifache Bedeutung. Denn manchmal bedeutet es Gewohnheit, in welchem Sinne wir lesen (Apg 15,1): „Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch (morem) des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden.“ Manchmal bedeutet es eine natürliche oder quasi-natürliche Neigung, eine bestimmte Handlung zu vollziehen, in welchem Sinne das Wort auf stumme Tiere angewendet wird. So lesen wir (2 Makk 11,11), dass sie „wie Löwen [*Leonum more, d. h. wie Löwen es gewohnt sind] auf die Feinde losstürmten und sie erschlugen“: und das Wort wird im gleichen Sinne in Ps 67,7 verwendet, wo wir lesen: „Der Menschen einer Sitte [moris] in einem Hause wohnen lässt.“ Für diese beiden Bedeutungen gibt es im Lateinischen nur ein Wort; im Griechischen jedoch gibt es für jede ein eigenes Wort, denn das Wort „ethos“ wird manchmal mit einem langen und manchmal mit einem kurzen „e“ geschrieben.
Nun wird die „moralische“ Tugend so genannt von „mos“ im Sinne einer natürlichen oder quasi-natürlichen Neigung, eine bestimmte Handlung zu vollziehen. Und die andere Bedeutung von „mos“, d. h. „Gewohnheit“, ist damit verwandt: weil die Gewohnheit zu einer zweiten Natur wird und eine Neigung hervorruft, die einer natürlichen ähnlich ist. Es ist aber offensichtlich, dass die Neigung zu einer Handlung eigentlich dem Begehrungsvermögen zukommt, dessen Aufgabe es ist, alle Vermögen zu ihren Akten zu bewegen, wie oben erklärt (Quaestio [9], Artikel [1]). Daher ist nicht jede Tugend eine sittliche Tugend, sondern nur jene, die im Begehrungsvermögen sind.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument fasst „mos“ im Sinne von „Gewohnheit“ auf.
Antwort auf Einwand 2: Jeder Akt der Tugend kann aus Wahl geschehen: aber keine Tugend bewirkt, dass wir richtig wählen, außer jener, die im begehrenden Teil der Seele ist: denn es wurde oben festgestellt, dass die Wahl ein Akt des Begehrungsvermögens ist (Quaestio [13], Artikel [1]). Daher ist ein Habitus des Wählens, d. h. ein Habitus, der das Prinzip ist, durch das wir wählen, allein jener Habitus, der das Begehrungsvermögen vervollkommnet: obwohl auch die Akte anderer Habitus Gegenstand der Wahl sein können.
Antwort auf Einwand 3: „Die Natur ist das Prinzip der Bewegung“ (Phys. ii, text. 3). Nun ist es die eigentliche Funktion der begehrenden Kraft, die Vermögen zum Handeln zu bewegen. Folglich kommt es jenen Tugenden zu, die im Begehrungsvermögen sind, wie eine zweite Natur zu werden, indem sie der Vernunft zustimmen.