I-II, q. 42 a. 6
Ob jene Dinge mehr gefürchtet werden, für die es kein Heilmittel gibt?
Quaestio 42 · Vom Gegenstand der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass jene Dinge nicht mehr zu fürchten sind, für die es kein Heilmittel gibt. Denn es ist eine Bedingung der Furcht, dass es irgendeine Hoffnung auf Sicherheit gibt, wie oben gesagt wurde (Art. 2). Aber ein Übel, dem nicht abgeholfen werden kann, lässt keine Hoffnung auf Entkommen. Also werden solche Dinge überhaupt nicht gefürchtet.
Einwand 2: Ferner gibt es kein Heilmittel für das Übel des Todes: da es im natürlichen Lauf der Dinge keine Rückkehr vom Tod zum Leben gibt. Und doch ist der Tod nicht das am meisten Gefürchtete von allen Dingen, wie der Philosoph sagt (Rhet. ii, 5). Also werden jene Dinge nicht am meisten gefürchtet, für die es kein Heilmittel gibt.
Einwand 3: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. i, 6), dass „ein Ding, das lange dauert, nicht besser ist als das, was nur einen Tag dauert: noch ist das, was ewig dauert, besser als das, was nicht ewig ist“: und dasselbe gilt für das Übel. Aber Dinge, denen nicht abgeholfen werden kann, scheinen sich von anderen Dingen nur in dem Punkt zu unterscheiden, dass sie lange oder ewig dauern. Folglich sind sie deshalb nicht schlimmer oder mehr zu fürchten.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Rhet. ii, 5), dass „jene Dinge am meisten zu fürchten sind, die, wenn sie falsch getan wurden, nicht berichtigt werden können ... oder für die es keine Hilfe gibt, oder die nicht leicht sind.“
Ich antworte darauf, dass der Gegenstand der Furcht das Übel ist: folglich trägt alles, was dazu tendiert, das Übel zu vermehren, zur Vermehrung der Furcht bei. Nun wird das Übel nicht nur in seiner Art als Übel vermehrt, sondern auch hinsichtlich der Umstände, wie oben gesagt wurde (Quaest. 18, Art. 3). Und von allen Umständen scheint die lange Dauer, oder sogar die Ewigkeit, den größten Einfluss auf die Vermehrung des Übels zu haben. Denn Dinge, die in der Zeit existieren, werden in gewisser Weise nach der Dauer der Zeit gemessen: weshalb, wenn es ein Übel ist, etwas für eine gewisse Zeitdauer zu erleiden, wir das Übel als verdoppelt rechnen sollten, wenn es für die doppelte Zeitdauer erlitten wird. Und dementsprechend impliziert das Erleiden derselben Sache für eine unendliche Zeitdauer, d. h. für immer, sozusagen eine unendliche Vermehrung. Nun werden jene Übel, denen, nachdem sie eingetreten sind, überhaupt nicht oder zumindest nicht leicht abgeholfen werden kann, als ewig oder für lange Zeit dauernd betrachtet: aus welchem Grund sie die größte Furcht einflößen.
Antwort auf Einwand 1: Ein Heilmittel für ein Übel ist zweifach. Eines, durch welches ein zukünftiges Übel daran gehindert wird zu kommen. Wenn ein solches Heilmittel entfernt wird, gibt es ein Ende der Hoffnung und folglich der Furcht; weshalb wir jetzt nicht von Heilmitteln dieser Art sprechen. Das andere Heilmittel ist eines, durch welches ein bereits gegenwärtiges Übel entfernt wird: und von einem solchen Heilmittel sprechen wir jetzt.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl der Tod ein Übel ohne Heilmittel ist, wird er doch, da er nicht aus der Nähe droht, nicht gefürchtet, wie oben gesagt wurde (Art. 2).
Antwort auf Einwand 3: Der Philosoph spricht dort von Dingen, die an sich gut sind, d. h. der Art nach gut. Und ein solches Gut ist nicht besser, weil es lange oder ewig dauert: seine Güte hängt von seiner eigentlichen Natur ab.