I-II, q. 42 a. 1
Ob der Gegenstand der Furcht das Gute oder das Übel ist?
Quaestio 42 · Vom Gegenstand der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass das Gute der Gegenstand der Furcht ist. Denn Augustinus sagt (Quaest. 83, qu. 33), dass „wir nichts fürchten, außer das zu verlieren, was wir lieben und besitzen, oder das nicht zu erlangen, was wir hoffen.“ Aber das, was wir lieben, ist gut. Also bezieht sich die Furcht auf das Gute als ihren eigentlichen Gegenstand.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 5), dass „Macht und Überlegenheit über einen anderen etwas zu Fürchtendes ist.“ Dies aber ist etwas Gutes. Also ist das Gute der Gegenstand der Furcht.
Einwand 3: Ferner kann es in Gott kein Übel geben. Aber uns ist geboten, Gott zu fürchten, gemäß Ps. 33,10: „Fürchtet den Herrn, alle seine Heiligen.“ Also ist auch das Gute ein Gegenstand der Furcht.
Dagegen spricht, dass Damascener sagt (De Fide Orth. ii, 12), die Furcht beziehe sich auf ein zukünftiges Übel.
Ich antworte darauf, dass die Furcht eine Bewegung des Begehrungsvermögens ist. Nun kommt es dem Begehrungsvermögen zu, nach etwas zu streben und etwas zu meiden, wie in Ethic. vi, 2 gesagt wird: und das Streben richtet sich auf das Gute, das Meiden hingegen auf das Übel. Folglich hat jede Bewegung des Begehrungsvermögens, die ein Streben einschließt, irgendein Gut zum Gegenstand; und jede Bewegung, die ein Meiden einschließt, hat ein Übel zum Gegenstand. Da nun die Furcht ein Meiden einschließt, betrachtet sie an erster Stelle und ihrer Natur nach das Übel als ihren eigentlichen Gegenstand.
Sie kann jedoch auch das Gute betrachten, insofern es auf das Übel beziehbar ist. Dies kann auf zweifache Weise geschehen. Auf die eine Weise, insofern ein Übel die Beraubung eines Gutes verursacht. Nun ist ein Ding schon dadurch übel, dass es eine Beraubung irgendeines Gutes ist. Da also das Übel gemieden wird, weil es übel ist, folgt daraus, dass es gemieden wird, weil es einen des Gutes beraubt, das man aus Liebe zu ihm erstrebt. Und in diesem Sinne sagt Augustinus, dass es keinen Grund zur Furcht gibt, außer dem Verlust des Gutes, das wir lieben.
Auf eine andere Weise steht das Gute zum Übel in Beziehung als dessen Ursache: insofern irgendein Gut durch seine Macht dem Gut, das wir lieben, Schaden zufügen kann. Und so, wie die Hoffnung, wie oben gesagt wurde (Quaest. 40, Art. 7), zwei Dinge betrachtet, nämlich das Gut, auf das sie tendiert, und das Ding, durch welches Hoffnung besteht, das ersehnte Gut zu erlangen; so betrachtet auch die Furcht zwei Dinge, nämlich das Übel, vor dem sie zurückschreckt, und jenes Gut, das durch seine Macht jenes Übel zufügen kann. Auf diese Weise wird Gott vom Menschen gefürchtet, insofern Er Strafe verhängen kann, sei es geistlich oder körperlich. Auf diese Weise fürchten wir auch die Macht eines Menschen; besonders wenn sie verletzt wurde oder wenn sie ungerecht ist, weil sie dann eher geneigt ist, uns Schaden zuzufügen.
In gleicher Weise fürchtet man, dass jemand „über einem steht“, d. h. von einem anderen abhängig zu sein, so dass es in dessen Macht steht, uns Schaden zuzufügen: so fürchtet ein Mensch einen anderen, der weiß, dass er eines Verbrechens schuldig ist, damit er es nicht anderen offenbare.
Dies genügt für die Erwiderungen auf die Einwände.