I-II, q. 42 a. 3
Ob das Übel der Sünde ein Gegenstand der Furcht ist?
Quaestio 42 · Vom Gegenstand der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass das Übel der Sünde ein Gegenstand der Furcht sein kann. Denn Augustinus sagt über den kanonischen Brief des Johannes (Tract. ix), dass „der Mensch durch keusche Furcht fürchtet, von Gott getrennt zu werden.“ Nun trennt uns nichts von Gott außer der Sünde; gemäß Jes. 59,2: „Eure Missetaten haben eine Scheidung gemacht zwischen euch und eurem Gott.“ Also kann das Übel der Sünde ein Gegenstand der Furcht sein.
Einwand 2: Ferner sagt Cicero (Tusc. iv, 4,6), dass „wir jene Dinge fürchten, wenn sie noch kommen sollen, die uns Schmerz bereiten, wenn sie gegenwärtig sind.“ Aber es ist möglich, dass jemand wegen des Übels der Sünde Schmerz oder Trauer empfindet. Also kann man auch das Übel der Sünde fürchten.
Einwand 3: Ferner ist die Hoffnung der Furcht entgegengesetzt. Aber das Gut der Tugend kann Gegenstand der Hoffnung sein, wie der Philosoph erklärt (Ethic. ix, 4): und der Apostel sagt (Gal. 5,10): „Ich habe das Vertrauen zu euch im Herrn, dass ihr nicht anders gesinnt sein werdet.“ Also kann die Furcht das Übel der Sünde betreffen.
Einwand 4: Ferner ist Scham eine Art von Furcht, wie oben gesagt wurde (Quaest. 41, Art. 4). Aber Scham bezieht sich auf eine schändliche Tat, welche ein Übel der Sünde ist. Also tut dies die Furcht ebenso.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Rhet. ii, 5), dass „nicht alle Übel gefürchtet werden, zum Beispiel, dass jemand ungerecht oder langsam sei.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Quaest. 40, Art. 1; Quaest. 41, Art. 2), so wie der Gegenstand der Hoffnung ein zukünftiges Gut ist, das schwierig, aber möglich zu erlangen ist, so ist der Gegenstand der Furcht ein zukünftiges Übel, das schwierig und nicht leicht zu vermeiden ist. Daraus können wir entnehmen, dass alles, was gänzlich unserer Macht und unserem Willen unterliegt, kein Gegenstand der Furcht ist; und dass nichts Furcht hervorruft, außer was auf eine äußere Ursache zurückzuführen ist. Nun ist der menschliche Wille die eigentliche Ursache des Übels der Sünde: und folglich ist das Übel der Sünde, eigentlich gesprochen, kein Gegenstand der Furcht.
Da aber der menschliche Wille durch eine äußere Ursache zur Sünde geneigt werden kann, kann ein Mensch, wenn diese Ursache eine starke Neigungskraft besitzt, in dieser Hinsicht das Übel der Sünde fürchten, insofern es aus jener äußeren Ursache entsteht: wie wenn er fürchtet, in der Gesellschaft böser Menschen zu verweilen, damit er nicht von ihnen zur Sünde verleitet werde. Aber eigentlich gesprochen fürchtet ein so disponierter Mensch eher das Verleitetwerden als die Sünde in ihrer eigentlichen Natur betrachtet, d. h. als einen freiwilligen Akt; denn in diesem Licht betrachtet ist sie für ihn kein Gegenstand der Furcht.
Antwort auf Einwand 1: Die Trennung von Gott ist eine Strafe, die aus der Sünde resultiert: und jede Strafe ist in gewisser Weise auf eine äußere Ursache zurückzuführen.
Antwort auf Einwand 2: Trauer und Furcht stimmen in einem Punkt überein, da beide das Übel betrachten: sie unterscheiden sich jedoch in zwei Punkten. Erstens, weil Trauer über ein gegenwärtiges Übel ist, während Furcht über ein zukünftiges Übel ist. Zweitens, weil Trauer, da sie im Begehrungsvermögen (concupiscibilis) ist, das Übel schlechthin betrachtet; weshalb sie über jedes Übel sein kann, ob groß oder klein; während Furcht, da sie im Zornvermögen (irascibilis) ist, das Übel unter Hinzufügung einer gewissen Schwierigkeit oder Mühsal betrachtet; welche Schwierigkeit aufhört, insofern eine Sache dem Willen unterworfen ist. Folglich lassen uns nicht alle Dinge, die uns Schmerz bereiten, wenn sie gegenwärtig sind, fürchten, wenn sie noch kommen sollen, sondern nur einige Dinge, nämlich jene, die schwierig sind.
Antwort auf Einwand 3: Hoffnung richtet sich auf ein Gut, das erlangbar ist. Nun kann man ein Gut entweder aus sich selbst oder durch einen anderen erlangen: und so kann Hoffnung auf einen Akt der Tugend gerichtet sein, der in unserer eigenen Macht liegt. Andererseits richtet sich Furcht auf ein Übel, das nicht in unserer eigenen Macht liegt: und folglich stammt das Übel, das gefürchtet wird, immer von einer äußeren Ursache; während das Gut, das erhofft wird, sowohl von einer inneren als auch von einer äußeren Ursache stammen kann.
Antwort auf Einwand 4: Wie oben gesagt wurde (Quaest. 41, Art. 4, ad 2,3), ist Scham nicht Furcht vor dem Akt der Sünde selbst, sondern vor der Schande oder Schmach, die daraus entsteht und die auf eine äußere Ursache zurückzuführen ist.