I-II, q. 42 a. 4
Ob die Furcht selbst gefürchtet werden kann?
Quaestio 42 · Vom Gegenstand der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass die Furcht nicht gefürchtet werden kann. Denn was immer gefürchtet wird, wird durch die Furcht davor am Verlust gehindert: so behält ein Mensch, der fürchtet, seine Gesundheit zu verlieren, sie, indem er ihren Verlust fürchtet. Wenn also ein Mensch Angst vor der Furcht hätte, würde er sich durch das Fürchten vor der Furcht bewahren: was absurd scheint.
Einwand 2: Ferner ist Furcht eine Art Flucht. Aber nichts flieht vor sich selbst. Also kann Furcht nicht der Gegenstand der Furcht sein.
Einwand 3: Ferner bezieht sich Furcht auf die Zukunft. Aber Furcht ist demjenigen, der fürchtet, gegenwärtig. Also kann sie nicht der Gegenstand seiner Furcht sein.
Dagegen spricht, dass ein Mensch seine eigene Liebe lieben und über seine eigene Trauer trauern kann. Also kann er in gleicher Weise seine eigene Furcht fürchten.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Art. 3), nichts ein Gegenstand der Furcht sein kann, außer was auf eine äußere Ursache zurückzuführen ist; nicht aber das, was aus unserem eigenen Willen folgt. Nun entsteht Furcht teilweise aus einer äußeren Ursache und ist teilweise dem Willen unterworfen. Sie ist auf eine äußere Ursache zurückzuführen, insofern sie eine Leidenschaft ist, die aus der Vorstellung eines drohenden Übels resultiert. In diesem Sinne ist es möglich, dass Furcht der Gegenstand der Furcht ist, d. h. ein Mensch kann fürchten, dass ihm die Notwendigkeit zu fürchten droht, indem er von einem großen Übel bedrängt wird. Sie ist dem Willen unterworfen, insofern das niedere Begehren der Vernunft gehorcht; weshalb der Mensch fähig ist, die Furcht zu vertreiben. In diesem Sinne kann Furcht nicht der Gegenstand der Furcht sein, wie Augustinus sagt (Quaest. 83, qu. 33). Damit jedoch niemand seine Argumente benutze, um zu beweisen, dass Furcht überhaupt nicht der Gegenstand der Furcht sein kann, müssen wir eine Lösung zu denselben hinzufügen.
Antwort auf Einwand 1: Nicht jede Furcht ist identisch dieselbe; es gibt verschiedene Ängste gemäß den verschiedenen Gegenständen der Furcht. Nichts hindert also einen Menschen daran, sich davor zu bewahren, eine Sache zu fürchten, indem er eine andere fürchtet, so dass die Furcht, die er hat, ihn vor der Furcht bewahrt, die er nicht hat.
Antwort auf Einwand 2: Da die Furcht vor einem drohenden Übel nicht identisch ist mit der Furcht vor der Furcht vor einem drohenden Übel, folgt nicht, dass ein Ding vor sich selbst flieht oder dass es in beiden Fällen dieselbe Flucht ist.
Antwort auf Einwand 3: Aufgrund der verschiedenen Arten von Furcht, auf die bereits angespielt wurde (ad 2), kann die gegenwärtige Furcht eines Menschen eine zukünftige Furcht zum Gegenstand haben.