I-II, q. 38 a. 5
Ob Schmerz und Traurigkeit durch Schlaf und Bäder gelindert werden?
Quaestio 38 · Von den Heilmitteln gegen die Traurigkeit oder den Schmerz
Einwand 1: Es scheint, dass Schlaf und Bäder die Traurigkeit nicht lindern. Denn Traurigkeit ist in der Seele: wohingegen Schlaf und Bäder den Körper betreffen. Daher tragen sie nicht zur Linderung der Traurigkeit bei.
Einwand 2: Ferner scheint nicht dieselbe Wirkung aus entgegengesetzten Ursachen zu folgen. Aber diese Dinge, da sie körperlich sind, sind unvereinbar mit der Betrachtung der Wahrheit, welche eine Ursache der Linderung der Traurigkeit ist, wie oben dargelegt (Artikel [4]). Daher wird Traurigkeit nicht durch dergleichen gemildert.
Einwand 3: Ferner bezeichnen Traurigkeit und Schmerz, insofern sie den Körper betreffen, eine gewisse Veränderung des Herzens. Aber solche Heilmittel wie diese scheinen eher die äußeren Sinne und Glieder zu betreffen als die innere Disposition des Herzens. Daher lindern sie die Traurigkeit nicht.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Confess. ix, 12): „Ich hatte gehört, dass das Bad seinen Namen [*Balneum, vom Griechischen {balaneion}] ... von der Tatsache habe, dass es die Traurigkeit aus dem Gemüt vertreibt.“ Und weiter unten sagt er: „Ich schlief und wachte wieder auf und fand meinen Kummer nicht wenig gelindert“: und er zitiert die Worte aus dem Hymnus des Ambrosius, in dem gesagt wird, dass „Schlaf die müden Glieder für die Arbeit wiederherstellt, den ermatteten Geist erfrischt und die Traurigkeit verbannt.“
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Quaestio [37], Artikel [4]), widerstrebt die Traurigkeit aufgrund ihrer spezifischen Natur der Lebensbewegung des Körpers; und folglich ist alles, was die körperliche Natur in ihren gebührenden Zustand der Lebensbewegung zurückführt, der Traurigkeit entgegengesetzt und lindert sie. Überdies sind solche Heilmittel, allein durch die Tatsache, dass sie die Natur in ihren normalen Zustand zurückbringen, Ursachen der Lust; denn genau darin besteht Lust, wie oben dargelegt (Quaestio [31], Artikel [1]). Da also jede Lust Traurigkeit lindert, wird Traurigkeit durch derartige körperliche Heilmittel gelindert.
Antwort auf Einwand 1: Die normale Disposition des Körpers, insofern sie gefühlt wird, ist selbst eine Ursache der Lust und lindert folglich die Traurigkeit.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben dargelegt (Quaestio [31], Artikel [8]), hindert eine Lust die andere; und doch lindert jede Lust die Traurigkeit. Folglich ist es nicht unvernünftig, dass Traurigkeit durch Ursachen gelindert wird, die einander hindern.
Antwort auf Einwand 3: Jede gute Disposition des Körpers wirkt etwas auf das Herz zurück, welches der Anfang und das Ende der körperlichen Bewegungen ist, wie in De Causa Mot. Animal. xi dargelegt wird.