I-II, q. 38 a. 2
Ob Schmerz oder Traurigkeit durch Tränen gelindert wird?
Quaestio 38 · Von den Heilmitteln gegen die Traurigkeit oder den Schmerz
Einwand 1: Es scheint, dass Tränen die Traurigkeit nicht lindern. Denn keine Wirkung vermindert ihre Ursache. Tränen oder Seufzer aber sind eine Wirkung der Traurigkeit. Daher vermindern sie die Traurigkeit nicht.
Einwand 2: Ferner, so wie Tränen oder Seufzer eine Wirkung der Traurigkeit sind, so ist Lachen eine Wirkung der Freude. Aber Lachen vermindert die Freude nicht. Daher vermindern Tränen die Traurigkeit nicht.
Einwand 3: Ferner, wenn wir weinen, ist das Übel, das uns traurig macht, der Einbildungskraft gegenwärtig. Aber das Bild dessen, was uns traurig macht, vermehrt die Traurigkeit, so wie das Bild einer angenehmen Sache die Freude steigert. Daher scheint es, dass Tränen die Traurigkeit nicht lindern.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Confess. iv, 7), dass er, als er den Tod seines Freundes betrauerte, „allein in Seufzern und Tränen eine kleine Erholung fand.“
Ich antworte darauf, Tränen und Seufzer lindern von Natur aus die Traurigkeit: und dies aus zwei Gründen. Erstens, weil eine schädliche Sache noch mehr schmerzt, wenn wir sie eingeschlossen halten, da die Seele stärker auf sie gerichtet ist: wenn ihr aber erlaubt wird zu entweichen, wird die Ausrichtung der Seele gleichsam auf äußere Dinge zerstreut, so dass die innere Traurigkeit vermindert wird. Deshalb wird die Traurigkeit der Menschen gelindert, die mit Trauer beladen sind, wenn sie ihre Traurigkeit nach außen hin zeigen, durch Tränen oder Seufzer oder sogar durch Worte. Zweitens, weil eine Handlung, die einem Menschen gemäß seiner aktuellen Disposition ziemt, ihm immer angenehm ist. Nun sind Tränen und Seufzer Handlungen, die einem Menschen ziemen, der in Trauer oder Schmerz ist; und folglich werden sie ihm angenehm. Da also, wie oben dargelegt (Artikel [1]), jede Lust Traurigkeit oder Schmerz etwas lindert, folgt daraus, dass Traurigkeit durch Weinen und Seufzen gelindert wird.
Antwort auf Einwand 1: Diese Beziehung der Ursache zur Wirkung ist der Beziehung entgegengesetzt, die zwischen der Ursache der Traurigkeit und dem Trauernden besteht. Denn jede Wirkung ist ihrer Ursache angemessen und folglich ihr angenehm; aber die Ursache der Traurigkeit ist demjenigen, der trauert, unangenehm. Daher verhält sich die Wirkung der Traurigkeit zu dem Trauernden nicht auf dieselbe Weise wie die Ursache der Traurigkeit. Aus diesem Grund wird die Traurigkeit durch ihre Wirkung gelindert, aufgrund der vorgenannten Gegensätzlichkeit.
Antwort auf Einwand 2: Die Beziehung der Wirkung zur Ursache ist wie die Beziehung des Objekts der Lust zu demjenigen, der Lust daran hat: weil in jedem Fall das eine mit dem anderen übereinstimmt. Nun vermehrt jedes Gleiche sein Gleiches. Daher wird Freude durch Lachen und die anderen Wirkungen der Freude vermehrt: außer sie seien übermäßig, in welchem Fall sie sie akzidentell vermindern.
Antwort auf Einwand 3: Das Bild dessen, was uns traurig macht, hat, an sich betrachtet, eine natürliche Tendenz, die Traurigkeit zu vermehren: doch allein aus der Tatsache, dass ein Mensch sich vorstellt, das zu tun, was gemäß seinem aktuellen Zustand passend ist, empfindet er ein gewisses Maß an Lust. Aus demselben Grund, wenn einem Menschen ein Lachen entfährt, wenn er so disponiert ist, dass er denkt, er sollte weinen, tut es ihm leid, als habe er etwas ihm Unziemliches getan, wie Cicero sagt (De Tusc. Quaest. iii, 27).