I-II, q. 38 a. 1
Ob Schmerz oder Traurigkeit durch jede Lust gelindert wird?
Quaestio 38 · Von den Heilmitteln gegen die Traurigkeit oder den Schmerz
Einwand 1: Es scheint, dass nicht jede Lust jeden Schmerz oder jede Traurigkeit lindert. Denn Lust lindert Traurigkeit nur, insofern sie ihr entgegengesetzt ist; denn „Heilmittel wirken durch das Entgegengesetzte“ (Ethic. ii, 3). Aber nicht jede Lust ist jeder Traurigkeit entgegengesetzt, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [35], Artikel [4]). Daher lindert nicht jede Lust jede Traurigkeit.
Einwand 2: Ferner lindert das, was Traurigkeit verursacht, diese nicht. Manche Lüste aber verursachen Traurigkeit; denn wie in Ethic. ix, 4 gesagt wird: „Der Schlechte empfindet Schmerz darüber, Lust empfunden zu haben.“ Daher lindert nicht jede Lust die Traurigkeit.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (Confess. iv, 7), dass er aus seiner Heimat floh, wo er gewohnt war, mit seinem nun toten Freund Umgang zu pflegen: „damit so seine Augen ihn weniger suchten, wo sie ihn nicht zu sehen gewohnt waren.“ Daraus können wir entnehmen, dass jene Dinge, die uns mit unseren toten oder abwesenden Freunden verbanden, uns zur Last werden, wenn wir ihren Tod oder ihre Abwesenheit betrauern. Aber nichts verband uns mehr als die Lüste, die wir gemeinsam genossen. Daher werden gerade diese Lüste uns zur Last, wenn wir trauern. Folglich lindert nicht jede Lust jede Traurigkeit.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. vii, 14), dass „Traurigkeit durch Lust vertrieben wird, sowohl durch eine entgegengesetzte Lust als auch durch jede andere, vorausgesetzt, sie ist intensiv.“
Ich antworte darauf, Wie aus dem oben Gesagten hervorgeht (Quaestio [23], Artikel [4]), ist Lust eine Art Ruhe des Begehrens in einem angemessenen Gut; während Traurigkeit aus etwas entsteht, das dem Begehren unangemessen ist. Folglich verhält sich in den Bewegungen des Begehrens die Lust zur Traurigkeit so wie bei den Körpern die Ruhe zur Ermüdung, welche auf eine nicht-naturgemäße Veränderung zurückzuführen ist; denn die Traurigkeit selbst impliziert eine gewisse Ermüdung oder ein Leiden des Begehrungsvermögens. Daher, so wie jede Ruhe des Körpers Linderung für jede Art von Ermüdung bringt, die aus irgendeiner nicht-naturgemäßen Ursache folgt, so bringt jede Lust Linderung, indem sie jede Art von Traurigkeit besänftigt, die auf irgendeine Ursache zurückzuführen ist.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl nicht jede Lust jeder Traurigkeit spezifisch entgegengesetzt ist, so ist sie es doch der Gattung nach, wie oben dargelegt (Quaestio [35], Artikel [4]). Und folglich kann, was die Disposition des Subjekts betrifft, jede Traurigkeit durch jede Lust gelindert werden.
Antwort auf Einwand 2: Die Lüste der schlechten Menschen sind keine Ursache der Traurigkeit, während sie genossen werden, sondern danach: das heißt, insofern die schlechten Menschen jene Dinge bereuen, an denen sie Lust hatten. Diese Traurigkeit wird durch entgegengesetzte Lüste geheilt.
Antwort auf Einwand 3: Wenn es zwei Ursachen gibt, die zu entgegengesetzten Bewegungen neigen, hindert jede die andere; doch diejenige, die stärker und beständiger ist, setzt sich am Ende durch. Wenn nun ein Mensch durch jene Dinge traurig gemacht wird, an denen er gemeinsam mit einem verstorbenen oder abwesenden Freund Lust hatte, gibt es zwei Ursachen, die entgegengesetzte Bewegungen hervorrufen. Denn der Gedanke an den Tod oder die Abwesenheit des Freundes neigt ihn zur Traurigkeit: das gegenwärtige Gut hingegen neigt ihn zur Lust. Folglich wird jedes durch das andere modifiziert. Und doch, da die Wahrnehmung des Gegenwärtigen stärker bewegt als die Erinnerung an das Vergangene, und da die Liebe zu sich selbst beständiger ist als die Liebe zu einem anderen, kommt es dazu, dass am Ende die Lust die Traurigkeit vertreibt. Weshalb Augustinus ein wenig weiter (Confess. iv, 8) sagt, dass seine „Traurigkeit seinen früheren Lüsten wich.“