I-II, q. 29 a. 5
Ob ein Mensch die Wahrheit hassen kann?
Quaestio 29 · Vom Hass
1. Einwand: Es scheint, dass ein Mensch die Wahrheit nicht hassen kann. Denn Gut, Wahr und Seiendes sind austauschbar. Aber ein Mensch kann das Gute nicht hassen. Also kann er auch die Wahrheit nicht hassen.
2. Einwand: Ferner haben „alle Menschen ein natürliches Verlangen nach Wissen“, wie am Anfang der Metaphysik i, 1 dargelegt wird. Aber Wissen ist nur von der Wahrheit. Also wird die Wahrheit von Natur aus begehrt und geliebt. Aber das, was in einem Ding von Natur aus ist, ist immer in ihm. Also kann kein Mensch die Wahrheit hassen.
3. Einwand: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 4), dass „Menschen jene lieben, die aufrichtig sind.“ Aber dafür kann es kein anderes Motiv geben als die Wahrheit. Also liebt der Mensch die Wahrheit von Natur aus. Also kann er sie nicht hassen.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Gal 4,16): „Bin ich euer Feind geworden, weil ich euch die Wahrheit sage?“ [*St. Thomas zitiert die Stelle, wahrscheinlich aus dem Gedächtnis, als wäre es eine Behauptung: „Ich bin geworden“, etc.]
Ich antworte darauf, dass Gut, Wahr und Seiendes in der Realität dasselbe sind, sich aber unterscheiden, wie sie von der Vernunft betrachtet werden. Denn das Gute wird im Licht von etwas Begehrenswertem betrachtet, während Seiendes und Wahres nicht so betrachtet werden: weil das Gute das ist, „was alle Dinge erstreben“. Daher kann das Gute als solches nicht Gegenstand des Hasses sein, weder im Allgemeinen noch im Besonderen. Seiendes und Wahrheit im Allgemeinen können nicht Gegenstand des Hasses sein: weil Nichtübereinstimmung die Ursache des Hasses ist und Übereinstimmung die Ursache der Liebe; während Sein und Wahrheit allen Dingen gemeinsam sind. Aber nichts hindert daran, dass irgendein bestimmtes Seiendes oder irgendeine bestimmte Wahrheit Gegenstand des Hasses ist, insofern es als schädlich und zuwiderlaufend betrachtet wird; da Schädlichkeit und Zuwiderlaufen nicht unvereinbar mit dem Begriff von Sein und Wahrheit sind, wie sie es mit dem Begriff des Guten sind.
Nun kann es auf dreifache Weise geschehen, dass eine bestimmte Wahrheit dem Gut, das wir lieben, zuwiderläuft oder schädlich ist. Erstens, insofern die Wahrheit in den Dingen ist als in ihrer Ursache und ihrem Ursprung. Und so hasst der Mensch manchmal eine bestimmte Wahrheit, wenn er wünscht, dass das, was wahr ist, nicht wahr wäre. Zweitens, insofern die Wahrheit in der Erkenntnis des Menschen ist, welche ihn daran hindert, das geliebte Objekt zu erlangen: so ist der Fall jener, die wünschen, die Wahrheit des Glaubens nicht zu kennen, damit sie frei sündigen können; in deren Person gesagt wird (Hiob 21,14): „Wir begehren nicht die Erkenntnis Deiner Wege.“ Drittens wird eine bestimmte Wahrheit gehasst als zuwiderlaufend, insofern sie im Verstand eines anderen Menschen ist: wie zum Beispiel, wenn ein Mensch in seiner Sünde verborgen bleiben möchte, er es hasst, dass irgendjemand die Wahrheit über seine Sünde kennt. In dieser Hinsicht sagt Augustinus (Confess. x, 23), dass Menschen „die Wahrheit lieben, wenn sie erleuchtet, sie hassen, wenn sie zurechtweist.“ Dies genügt für die Antwort auf den ersten Einwand.
Antwort auf den 2. Einwand: Die Erkenntnis der Wahrheit ist an sich liebenswert: daher sagt Augustinus, dass Menschen sie lieben, wenn sie erleuchtet. Aber akzidentell kann die Erkenntnis der Wahrheit hassenswert werden, insofern sie jemanden daran hindert, sein Begehren zu erfüllen.
Antwort auf den 3. Einwand: Der Grund, warum wir jene lieben, die aufrichtig sind, ist, dass sie die Wahrheit bekannt machen, und die Erkenntnis der Wahrheit, an sich betrachtet, ein begehrenswertes Ding ist.