I-II, q. 29 a. 2
Ob die Liebe eine Ursache des Hasses ist?
Quaestio 29 · Vom Hass
1. Einwand: Es scheint, dass die Liebe keine Ursache des Hasses ist. Denn „die entgegengesetzten Glieder einer Einteilung sind von Natur aus zugleich“ (Praedic. x). Aber Liebe und Hass sind entgegengesetzte Glieder einer Einteilung, da sie einander entgegengesetzt sind. Also sind sie von Natur aus zugleich. Daher ist die Liebe nicht die Ursache des Hasses.
2. Einwand: Ferner ist von zwei Gegensätzen der eine nicht die Ursache des anderen. Aber Liebe und Hass sind Gegensätze. Also ist die Liebe nicht die Ursache des Hasses.
3. Einwand: Ferner ist das, was folgt, nicht die Ursache dessen, was vorausgeht. Aber der Hass geht der Liebe scheinbar voraus: denn Hass impliziert eine Abkehr vom Übel, während Liebe eine Hinwendung zum Guten impliziert. Also ist die Liebe nicht die Ursache des Hasses.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 7,9), dass alle Gemütsbewegungen durch die Liebe verursacht werden. Daher wird auch der Hass, da er eine Gemütsbewegung der Seele ist, durch die Liebe verursacht.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), die Liebe in einer gewissen Übereinstimmung des Liebenden mit dem geliebten Gegenstand besteht, während der Hass in einer gewissen Nichtübereinstimmung oder Dissonanz besteht. Nun müssen wir bei jedem Ding das betrachten, was mit ihm übereinstimmt, bevor wir das betrachten, was nicht übereinstimmt: denn ein Ding stimmt mit einem anderen nicht überein, indem es das zerstört oder behindert, was mit ihm übereinstimmt. Folglich muss die Liebe notwendigerweise dem Hass vorausgehen; und nichts wird gehasst, außer dadurch, dass es einem zuträglichen Ding, welches geliebt wird, entgegengesetzt ist. Und daher kommt es, dass jeder Hass durch Liebe verursacht wird.
Antwort auf den 1. Einwand: Die entgegengesetzten Glieder einer Einteilung sind manchmal von Natur aus zugleich, sowohl real als auch logisch; z.B. zwei Tierarten oder zwei Arten von Farben. Manchmal sind sie logisch zugleich, während in der Realität eines vorausgeht und das andere verursacht; z.B. die Arten von Zahlen, Figuren und Bewegungen. Manchmal sind sie weder real noch logisch zugleich; z.B. Substanz und Akzidens; denn die Substanz ist in der Realität die Ursache des Akzidens; und das Sein wird von der Substanz ausgesagt, bevor es vom Akzidens ausgesagt wird, durch eine Priorität der Vernunft, weil es vom Akzidens nur insofern ausgesagt wird, als letzteres in der Substanz ist. Nun sind Liebe und Hass von Natur aus zugleich, logisch, aber nicht real. Daher hindert nichts daran, dass die Liebe die Ursache des Hasses ist.
Antwort auf den 2. Einwand: Liebe und Hass sind Gegensätze, wenn sie in Bezug auf dasselbe Ding betrachtet werden. Wenn sie aber in Bezug auf Gegensätze genommen werden, sind sie selbst nicht entgegengesetzt, sondern folgen aufeinander: denn es läuft auf dasselbe hinaus, dass man ein bestimmtes Ding liebt oder dass man dessen Gegenteil hasst. So ist die Liebe zu einem Ding die Ursache dafür, dass man dessen Gegenteil hasst.
Antwort auf den 3. Einwand: In der Ordnung der Ausführung geht die Abkehr von einem Endpunkt der Hinwendung zum anderen voraus. Aber umgekehrt verhält es sich in der Ordnung der Absicht: denn die Annäherung an einen Endpunkt ist der Grund für die Abkehr vom anderen. Nun gehört die begehrende Bewegung eher zur Ordnung der Absicht als zu der der Ausführung. Daher geht die Liebe dem Hass voraus: weil jedes eine begehrende Bewegung ist.