I-II, q. 29 a. 3
Ob der Hass stärker ist als die Liebe?
Quaestio 29 · Vom Hass
1. Einwand: Es scheint, dass der Hass stärker ist als die Liebe. Denn Augustinus sagt (Quaest. 83, qu. 36): „Es gibt niemanden, der nicht mehr vor dem Schmerz flieht, als er nach Freude verlangt.“ Aber die Flucht vor dem Schmerz gehört zum Hass; während das Verlangen nach Freude zur Liebe gehört. Also ist der Hass stärker als die Liebe.
2. Einwand: Ferner wird das Schwächere vom Stärkeren überwunden. Aber die Liebe wird vom Hass überwunden: nämlich dann, wenn Liebe in Hass umschlägt. Also ist der Hass stärker als die Liebe.
3. Einwand: Ferner zeigen sich die Gemütsbewegungen der Seele durch ihre Wirkungen. Der Mensch besteht aber mehr darauf, das Hassenswerte abzuwehren, als das Angenehme zu suchen: so enthalten sich auch unvernünftige Tiere des Vergnügens aus Furcht vor der Peitsche, wie Augustinus als Beispiel anführt (Quaest. 83, qu. 36). Also ist der Hass stärker als die Liebe.
Dagegen spricht, dass das Gute stärker ist als das Böse; weil „das Böse nichts bewirkt außer kraft des Guten“, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv). Aber Hass und Liebe unterscheiden sich gemäß dem Unterschied von Gut und Böse. Also ist die Liebe stärker als der Hass.
Ich antworte darauf, dass es unmöglich ist, dass eine Wirkung stärker ist als ihre Ursache. Nun entsteht jeder Hass aus irgendeiner Liebe als seiner Ursache, wie oben dargelegt (Artikel [2]). Daher ist es unmöglich, dass der Hass schlechthin stärker ist als die Liebe.
Aber darüber hinaus muss die Liebe, absolut gesprochen, stärker sein als der Hass. Weil ein Ding stärker zum Ziel bewegt wird als zu den Mitteln. Nun ist die Abkehr vom Bösen als Mittel auf die Erlangung des Guten gerichtet. Daher ist, absolut gesprochen, die Bewegung der Seele in Bezug auf das Gute stärker als ihre Bewegung in Bezug auf das Böse.
Dennoch scheint der Hass manchmal stärker zu sein als die Liebe, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil der Hass empfindlicher gefühlt wird als die Liebe. Denn da die sinnliche Wahrnehmung von einem gewissen Eindruck begleitet wird, wird der Eindruck, sobald er empfangen wurde, nicht mehr so empfindlich gefühlt wie im Moment des Empfangens. Daher wird die Hitze eines hektischen Fiebers, obwohl sie größer ist, dennoch nicht so sehr gefühlt wie die Hitze eines Dreitagefiebers; weil die Hitze des hektischen Fiebers habituell und wie eine zweite Natur ist. Aus diesem Grund wird die Liebe in Abwesenheit des geliebten Gegenstandes empfindlicher gefühlt; so sagt Augustinus (De Trin. x, 12), dass „die Liebe empfindlicher gefühlt wird, wenn uns das fehlt, was wir lieben.“ Und aus demselben Grund wird die Unangemessenheit dessen, was gehasst wird, empfindlicher gefühlt als die Angemessenheit dessen, was geliebt wird. Zweitens, weil ein Vergleich zwischen einem Hass und einer Liebe angestellt wird, die einander nicht entsprechen. Denn gemäß verschiedenen Graden des Guten gibt es verschiedene Grade der Liebe, denen verschiedene Grade des Hasses entsprechen. Daher bewegt uns ein Hass, der einer größeren Liebe entspricht, mehr als eine geringere Liebe.
Daraus ist klar, wie auf den ersten Einwand zu antworten ist. Denn die Liebe zum Vergnügen ist geringer als die Liebe zur Selbsterhaltung, welcher die Flucht vor dem Schmerz entspricht. Daher fliehen wir mehr vor dem Schmerz, als wir das Vergnügen lieben.