I-II, q. 29 a. 1
Ob das Übel Ursache und Gegenstand des Hasses ist?
Quaestio 29 · Vom Hass
1. Einwand: Es scheint, dass das Übel nicht Gegenstand und Ursache des Hasses ist. Denn alles, was existiert, ist als solches gut. Wenn also das Übel der Gegenstand des Hasses wäre, so folgte daraus, dass nichts als der Mangel an etwas Gegenstand des Hasses sein könnte: was offensichtlich unwahr ist.
2. Einwand: Ferner ist der Hass auf das Böse lobenswert; daher werden einige (2 Makk 3,1) dafür gelobt, dass „die Gesetze sehr gut gehalten wurden wegen der Frömmigkeit des Hohenpriesters Onias und weil ihr Gemüt [Vulgata: 'sein Gemüt'] das Böse hasste.“ Wenn also nichts als das Übel Gegenstand des Hasses wäre, so folgte daraus, dass jeder Hass lobenswert ist: und dies ist offensichtlich falsch.
3. Einwand: Ferner ist dasselbe Ding nicht zugleich gut und übel. Aber dasselbe Ding ist für verschiedene Subjekte liebenswert und hassenswert. Daher richtet sich der Hass nicht nur auf das Übel, sondern auch auf das Gute.
Dagegen spricht, dass der Hass das Gegenteil der Liebe ist. Der Gegenstand der Liebe aber ist das Gute, wie oben dargelegt wurde (Frage [26], Artikel [1]; Frage [27], Artikel [1]). Also ist der Gegenstand des Hasses das Übel.
Ich antworte darauf, dass, da das natürliche Begehren das Ergebnis der Erkenntnis ist (obwohl diese Erkenntnis nicht in demselben Subjekt wie das natürliche Begehren ist), es scheint, dass das, was für die Neigung des natürlichen Begehrens gilt, auch für das sinnliche Begehren gilt, welches aus einer Erkenntnis im selben Subjekt folgt, wie oben dargelegt (Frage [26], Artikel [1]). Nun ist es in Bezug auf das natürliche Begehren offensichtlich, dass so, wie jedes Ding von Natur aus auf das abgestimmt und angepasst ist, was ihm zuträglich ist – worin die natürliche Liebe besteht –, es ebenso eine natürliche Dissonanz gegenüber dem hat, was ihm entgegensteht und es zerstört; und dies ist der natürliche Hass. So ist also im sinnlichen Begehren oder im geistigen Begehren die Liebe eine gewisse Harmonie des Begehrens mit dem, was als zuträglich erkannt wird; während der Hass eine Dissonanz des Begehrens gegenüber dem ist, was als zuwiderlaufend und schädlich erkannt wird. Nun trägt alles, was zuträglich ist, als solches den Aspekt des Guten; so wie alles, was zuwiderläuft, als solches den Aspekt des Übels trägt. Und deshalb ist, so wie das Gute Gegenstand der Liebe ist, das Übel Gegenstand des Hasses.
Antwort auf den 1. Einwand: Das Sein als solches hat nicht den Aspekt des Zuwiderlaufenden, sondern nur der Angemessenheit; denn das Sein ist allen Dingen gemeinsam. Aber das Sein, insofern es dieses bestimmte Sein ist, hat einen Aspekt des Zuwiderlaufenden gegenüber einem bestimmten anderen Sein. Und auf diese Weise ist ein Seiendes dem anderen verhasst und ist ein Übel; jedoch nicht an sich selbst, sondern im Vergleich zu etwas anderem.
Antwort auf den 2. Einwand: So wie ein Ding als gut erkannt werden kann, wenn es nicht wahrhaft gut ist, so kann ein Ding als übel erkannt werden, obwohl es nicht wahrhaft übel ist. Daher geschieht es bisweilen, dass weder der Hass auf das Übel noch die Liebe zum Guten gut ist.
Antwort auf den 3. Einwand: Für verschiedene Dinge kann dasselbe Ding liebenswert oder hassenswert sein: in Bezug auf das natürliche Begehren, weil ein und dasselbe Ding dem einen von Natur aus zuträglich und dem anderen von Natur aus unzuträglich ist: so ist Hitze dem Feuer angemessen und dem Wasser unangemessen; und in Bezug auf das sinnliche Begehren, weil ein und dasselbe Ding von dem einen als gut, von dem anderen als schlecht aufgefasst wird.