I-II, q. 13 a. 2
Ob die Wahl bei vernunftlosen Tieren zu finden ist?
Quaestio 13 · Von der Wahl, die ein Akt des Willens in Bezug auf die Mittel ist.
Einwand 1: Es scheint, dass vernunftlose Tiere fähig sind zu wählen. Denn Wahl „ist das Begehren nach bestimmten Dingen um eines Zweckes willen“, wie in Ethic. iii, 2,3 dargelegt. Aber vernunftlose Tiere begehren etwas um eines Zweckes willen: da sie um eines Zweckes willen und aus Begehren handeln. Also gibt es Wahl bei vernunftlosen Tieren.
Einwand 2: Ferner scheint das Wort „electio“ [Wahl] das Nehmen von etwas unter Bevorzugung gegenüber anderem zu bedeuten. Aber vernunftlose Tiere nehmen etwas unter Bevorzugung gegenüber anderem: so können wir leicht selbst sehen, dass ein Schaf ein Gras frisst und ein anderes verschmäht. Also gibt es Wahl bei vernunftlosen Tieren.
Einwand 3: Ferner trifft der Mensch gemäß Ethic. vi, 12 „aus Klugheit eine gute Wahl der Mittel“. Aber Klugheit findet sich bei vernunftlosen Tieren: daher heißt es am Anfang von Metaph. i, 1, dass „jene Tiere, die, wie die Bienen, keine Töne hören können, durch Instinkt klug sind“. Wir sehen dies deutlich in wunderbaren Fällen von Scharfsinn, die sich in den Werken verschiedener Tiere zeigen, wie bei Bienen, Spinnen und Hunden. Denn ein Jagdhund, der einem Hirsch folgt, prüft, wenn er an einen Kreuzweg kommt, durch den Geruch, ob der Hirsch den ersten oder den zweiten Weg genommen hat: und wenn er findet, dass der Hirsch dort nicht entlanggelaufen ist, nimmt er, so vergewissert, den dritten Weg, ohne den Geruch zu prüfen; als ob er durch Ausschlussverfahren schlussfolgerte und argumentierte, dass der Hirsch diesen Weg genommen haben muss, da er die anderen nicht genommen hat und es keinen anderen Weg gibt. Daher scheint es, dass vernunftlose Tiere fähig sind zu wählen.
Dagegen spricht, dass Gregor von Nyssa [*Nemesius, De Nat. Hom. xxxiii.] sagt: „Kinder und vernunftlose Tiere handeln zwar freiwillig, aber nicht aus Wahl.“ Daher gibt es keine Wahl bei vernunftlosen Tieren.
Ich antworte darauf, Da die Wahl das Nehmen einer Sache unter Bevorzugung gegenüber einer anderen ist, muss sie notwendigerweise in Bezug auf mehrere Dinge geschehen, die gewählt werden können. Folglich gibt es bei jenen Dingen, die gänzlich auf eines festgelegt sind, keinen Platz für Wahl. Nun besteht der Unterschied zwischen dem sinnlichen Begehren und dem Willen darin, dass, wie oben dargelegt (Frage [1], Artikel [2], ad 3), das sinnliche Begehren gemäß der Ordnung der Natur auf eine bestimmte Sache festgelegt ist; wohingegen der Wille, obwohl er gemäß der Ordnung der Natur auf eine Sache im Allgemeinen festgelegt ist, nämlich das Gute, dennoch in Bezug auf einzelne Güter unbestimmt ist. Folglich gehört die Wahl eigentlich zum Willen und nicht zum sinnlichen Begehren, welches das einzige ist, was vernunftlose Tiere haben. Daher sind vernunftlose Tiere nicht fähig zu wählen.
Antwort auf Einwand 1: Nicht jedes Begehren nach einer Sache um eines Zweckes willen wird Wahl genannt: es muss eine gewisse Unterscheidung der einen Sache von der anderen geben. Und dies kann nicht geschehen, außer wenn das Begehren zu mehreren Dingen bewegt werden kann.
Antwort auf Einwand 2: Ein vernunftloses Tier nimmt eine Sache unter Bevorzugung gegenüber einer anderen, weil sein Begehren von Natur aus auf diese Sache festgelegt ist. Daher wird ein Tier, sobald ihm, sei es durch seinen Sinn oder durch seine Einbildungskraft, etwas angeboten wird, wozu sein Begehren von Natur aus geneigt ist, allein dazu bewegt, ohne irgendeine Wahl zu treffen. So wie Feuer nach oben bewegt wird und nicht nach unten, ohne dass es eine Wahl trifft.
Antwort auf Einwand 3: Wie in Phys. iii, 3 dargelegt, ist „Bewegung der Akt des Beweglichen, verursacht durch einen Beweger“. Daher zeigt sich die Kraft des Bewegers in der Bewegung dessen, was er bewegt. Dementsprechend ist in allen Dingen, die durch Vernunft bewegt werden, die Ordnung der Vernunft, die sie bewegt, offensichtlich, obwohl die Dinge selbst ohne Vernunft sind: denn ein Pfeil fliegt durch die Bewegung des Schützen gerade auf das Ziel zu, als ob er mit Vernunft begabt wäre, um seinen Kurs zu lenken. Dasselbe kann man in den Bewegungen von Uhren und allen Maschinen sehen, die durch die Kunst des Menschen zusammengesetzt sind. Nun verhalten sich künstliche Dinge zur menschlichen Kunst so wie alle natürlichen Dinge zur göttlichen Kunst. Und dementsprechend ist Ordnung in den Dingen zu sehen, die von der Natur bewegt werden, genau wie in den Dingen, die von der Vernunft bewegt werden, wie in Phys. ii dargelegt wird. Und so kommt es, dass wir in den Werken vernunftloser Tiere gewisse Zeichen von Scharfsinn bemerken, insofern sie eine natürliche Neigung haben, ihre Handlungen in höchst geordneter Weise zu beginnen, da sie durch die höchste Kunst geordnet sind. Aus diesem Grund werden auch bestimmte Tiere klug oder scharfsinnig genannt; und nicht, weil sie vernünftig denken oder irgendeine Wahl über Dinge treffen. Dies wird aus der Tatsache deutlich, dass alle, die an einer Natur teilhaben, ausnahmslos auf dieselbe Weise handeln.