I-II, q. 112 a. 4
Ob die Gnade in dem einen größer ist als in dem anderen?
Quaestio 112 · Von der Ursache der Gnade
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade in dem einen nicht größer ist als in dem anderen. Denn die Gnade wird in uns durch die göttliche Liebe bewirkt, wie oben gesagt (Q. 110, Art. 1). Nun steht geschrieben (Weish 6,8): „Er hat den Kleinen und den Großen gemacht und trägt gleichermaßen Sorge für alle.“ Also erlangen alle gleichermaßen Gnade von Ihm.
Einwand 2: Ferner kann das, was das Größtmögliche ist, nicht mehr oder weniger sein. Aber die Gnade ist das Größtmögliche, da sie uns mit unserem letzten Ziel verbindet. Also gibt es in ihr kein Mehr oder Weniger. Daher ist sie in dem einen nicht größer als in dem anderen.
Einwand 3: Ferner ist die Gnade das Leben der Seele, wie oben gesagt (Q. 110, Art. 1, ad 2). Aber im Leben gibt es kein Mehr oder Weniger. Also auch nicht in der Gnade.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Eph 4,7): „Jedem aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi.“ Was aber nach Maß gegeben wird, wird nicht allen gleich gegeben. Also haben nicht alle eine gleiche Gnade.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Q. 52, Art. 1, 2; Q. 56, Art. 1, 2), Habitus eine doppelte Größe haben können: eine in Bezug auf das Ziel oder Objekt, wie wenn eine Tugend edler genannt wird, weil sie auf ein größeres Gut hingeordnet ist; die andere auf Seiten des Subjekts, das mehr oder weniger an dem ihm innewohnenden Habitus teilhat.
Was nun die erste Größe betrifft, so kann die heiligmachende Gnade nicht größer oder kleiner sein, da die Gnade ihrer Natur nach den Menschen mit dem höchsten Gut verbindet, welches Gott ist. Aber was das Subjekt betrifft, kann die Gnade ein Mehr oder Weniger empfangen, insofern der eine vollkommener durch die Gnade erleuchtet werden kann als der andere. Und ein gewisser Grund hierfür liegt auf Seiten dessen, der sich auf die Gnade vorbereitet; denn wer besser auf die Gnade vorbereitet ist, empfängt mehr Gnade. Doch darf man hier nicht die erste Ursache dieser Verschiedenheit suchen, da der Mensch sich nur insoweit vorbereitet, als sein freier Wille von Gott vorbereitet wird. Daher ist die erste Ursache dieser Verschiedenheit auf Seiten Gottes zu suchen, der seine Gnadengaben unterschiedlich austeilt, damit aus diesen verschiedenen Graden die Schönheit und Vollkommenheit der Kirche hervorgehe; so wie Er auch die verschiedenen Zustände der Dinge eingerichtet hat, damit das Universum vollkommen sei. Daher fügt der Apostel, nachdem er gesagt hatte (Eph 4,7): „Jedem von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi“, und die verschiedenen Gnadengaben aufgezählt hatte, hinzu (Eph 4,12): „Zur Vollendung der Heiligen ... für die Erbauung des Leibes Christi.“
Antwort auf Einwand 1: Die göttliche Sorge kann auf zweifache Weise betrachtet werden: erstens in Bezug auf den göttlichen Akt, der einfach und einheitlich ist; und so gilt seine Sorge allen gleichermaßen, da Er durch einen einfachen Akt Große und Kleine verwaltet. Aber zweitens kann sie in jenen Dingen betrachtet werden, die durch die göttliche Sorge zuteil werden; und so findet sich Ungleichheit, insofern Gott durch seine Sorge einigen größere Gaben und anderen geringere Gaben verschafft.
Antwort auf Einwand 2: Dieser Einwand stützt sich auf die erste Art der Größe der Gnade; denn die Gnade kann nicht dadurch größer sein, dass sie auf ein größeres Gut hinordnet, sondern insofern sie mehr oder weniger zu einer größeren oder geringeren Teilhabe an demselben Gut hinordnet. Denn es kann eine Verschiedenheit an Intensität und Nachlassen geben, sowohl in der Gnade als auch in der endgültigen Herrlichkeit, was die Teilhabe der Subjekte betrifft.
Antwort auf Einwand 3: Das natürliche Leben gehört zur Substanz des Menschen und kann daher nicht mehr oder weniger sein; aber der Mensch hat am Leben der Gnade akzidentell teil, und daher kann der Mensch es mehr oder weniger besitzen.