I-II, q. 112 a. 2
Ob irgendeine Vorbereitung und Disposition zur Gnade seitens des Menschen erforderlich ist?
Quaestio 112 · Von der Ursache der Gnade
Einwand 1: Es scheint, dass keine Vorbereitung oder Disposition zur Gnade seitens des Menschen erforderlich ist, da, wie der Apostel sagt (Röm 4,4): „Dem, der Werke tut, wird der Lohn nicht aus Gnade angerechnet, sondern aus Schuldigkeit.“ Nun kann die Vorbereitung eines Menschen durch den freien Willen nur durch irgendeine Tätigkeit geschehen. Folglich würde dies den Begriff der Gnade aufheben.
Einwand 2: Ferner bereitet sich derjenige, der fortfährt zu sündigen, nicht darauf vor, Gnade zu haben. Aber einigen, die fortfahren zu sündigen, wird Gnade gegeben, wie im Fall des Paulus deutlich wird, der die Gnade empfing, während er noch „Drohungen und Mord gegen die Jünger des Herrn schnaubte“ (Apg 9,1). Daher ist keine Vorbereitung auf die Gnade seitens des Menschen erforderlich.
Einwand 3: Ferner bedarf ein Wirkender von unendlicher Macht keiner Disposition in der Materie, da er nicht einmal Materie benötigt, wie bei der Schöpfung ersichtlich ist, mit der die Gnade verglichen wird, welche „eine neue Schöpfung“ genannt wird (Gal 6,15). Aber nur Gott, der unendliche Macht hat, bewirkt die Gnade, wie oben gesagt wurde (Art. 1). Daher ist keine Vorbereitung seitens des Menschen erforderlich, um Gnade zu erlangen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Amos 4,12): „Bereite dich, Israel, deinem Gott zu begegnen“, und (1 Sam 7,3): „Richtet eure Herzen auf den Herrn.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Q. 111, Art. 2), Gnade auf zweifache Weise verstanden wird: erstens als eine habituelle Gabe Gottes; zweitens als eine Hilfe von Gott, der die Seele zum Guten bewegt. Nimmt man nun die Gnade im ersten Sinne, so ist eine gewisse Vorbereitung auf die Gnade erforderlich, da eine Form nur in einer disponierten Materie sein kann. Wenn wir aber von der Gnade sprechen, insofern sie eine Hilfe Gottes bezeichnet, um uns zum Guten zu bewegen, so ist keine Vorbereitung seitens des Menschen erforderlich, die der göttlichen Hilfe gleichsam zuvorkäme, sondern vielmehr muss jede Vorbereitung im Menschen durch die Hilfe Gottes geschehen, der die Seele zum Guten bewegt. Und so ist selbst die gute Regung des freien Willens, wodurch jemand auf den Empfang der Gnadengabe vorbereitet wird, ein Akt des von Gott bewegten freien Willens. Und so heißt es, dass der Mensch sich vorbereitet, gemäß Spr 16,1: „Sache des Menschen ist es, die Seele vorzubereiten“; doch geschieht dies prinzipiell von Gott her, der den freien Willen bewegt. Daher heißt es, dass der Wille des Menschen von Gott vorbereitet wird und dass die Schritte des Menschen von Gott gelenkt werden.
Antwort auf Einwand 1: Eine gewisse Vorbereitung des Menschen auf die Gnade geschieht gleichzeitig mit der Eingießung der Gnade; und diese Tätigkeit ist verdienstlich, zwar nicht für die Gnade, die bereits besessen wird, sondern für die Herrlichkeit, die noch nicht besessen wird. Es gibt aber eine andere, unvollkommene Vorbereitung, die der Gabe der heiligmachenden Gnade bisweilen vorausgeht, und doch stammt sie aus Gottes Bewegung. Aber sie reicht nicht zum Verdienst aus, da der Mensch noch nicht durch die Gnade gerechtfertigt ist und Verdienst nur aus der Gnade entstehen kann, wie weiter unten gesehen werden wird (Q. 114, Art. 2).
Antwort auf Einwand 2: Da ein Mensch sich nicht auf die Gnade vorbereiten kann, es sei denn, Gott komme ihm zuvor und bewege ihn zum Guten, spielt es keine Rolle, ob jemand augenblicklich oder schrittweise zur vollkommenen Vorbereitung gelangt. Denn es steht geschrieben (Sir 11,23): „Es ist für Gott ein Leichtes, den Armen plötzlich reich zu machen.“ Nun geschieht es manchmal, dass Gott einen Menschen zum Guten bewegt, aber nicht zum vollkommenen Guten, und diese Vorbereitung geht der Gnade voraus. Manchmal aber bewegt Er ihn plötzlich und vollkommen zum Guten, und der Mensch empfängt die Gnade plötzlich, gemäß Joh 6,45: „Jeder, der vom Vater gehört und gelernt hat, kommt zu mir.“ Und so geschah es bei Paulus, da sein Herz, als er mitten in der Sünde war, plötzlich von Gott vollkommen bewegt wurde zu hören, zu lernen, zu kommen; und daher empfing er die Gnade plötzlich.
Antwort auf Einwand 3: Ein Wirkender von unendlicher Macht bedarf keiner Materie oder Disposition der Materie, die durch die Handlung eines anderen herbeigeführt wurde; und doch muss er, im Hinblick auf die Bedingung des Bewirkten, in dem Bewirkten sowohl die Materie als auch die geschuldete Disposition für die Form bewirken. Ebenso ist, wenn Gott Gnade in eine Seele eingießt, keine Vorbereitung erforderlich, die Er nicht selbst bewirkt.