I-II, q. 111 a. 5
Ob die unentgeltliche Gnade edler ist als die heiligmachende Gnade?
Quaestio 111 · Von der Einteilung der Gnade
Einwand 1: Es scheint, dass die unentgeltliche Gnade edler ist als die heiligmachende Gnade. Denn „das Gut des Volkes ist besser als das individuelle Gut“, wie der Philosoph sagt (Ethic. i, 2). Nun ist die heiligmachende Gnade auf das Gut eines einzelnen Menschen allein hingeordnet, wohingegen die unentgeltliche Gnade auf das Gemeinwohl der ganzen Kirche hingeordnet ist, wie oben gesagt wurde (Artikel [1],4). Daher ist die unentgeltliche Gnade edler als die heiligmachende Gnade.
Einwand 2: Ferner ist es eine größere Kraft, die fähig ist, auf einen anderen einzuwirken, als jene, die auf sich selbst beschränkt ist, so wie die Helligkeit des Körpers größer ist, der andere Körper erleuchten kann, als jenes, der nur leuchten, aber nicht erleuchten kann; und daher sagt der Philosoph (Ethic. v, 1), „dass die Gerechtigkeit die vorzüglichste der Tugenden ist“, da durch sie ein Mensch sich richtig gegenüber anderen verhält. Aber durch die heiligmachende Gnade wird ein Mensch nur in sich selbst vervollkommnet; wohingegen durch die unentgeltliche Gnade ein Mensch für die Vervollkommnung anderer wirkt. Daher ist die unentgeltliche Gnade edler als die heiligmachende Gnade.
Einwand 3: Ferner ist das, was dem Besten eigen ist, edler als das, was allen gemeinsam ist; so ist das Vernunftvermögen, welches dem Menschen eigen ist, edler als das Fühlen, welches allen Tieren gemeinsam ist. Nun ist die heiligmachende Gnade allen Gliedern der Kirche gemeinsam, aber die unentgeltliche Gnade ist die eigene Gabe der erhabeneren Glieder der Kirche. Daher ist die unentgeltliche Gnade edler als die heiligmachende Gnade.
Dagegen spricht, dass der Apostel (1 Kor 12,31), nachdem er die unentgeltlichen Gnaden aufgezählt hat, hinzufügt: „Und ich zeige euch einen noch vorzüglicheren Weg“; und wie die Fortsetzung beweist, spricht er von der Liebe [caritas], welche zur heiligmachenden Gnade gehört. Daher ist die heiligmachende Gnade edler als die unentgeltliche Gnade.
Ich antworte darauf, dass, je höher das Gut ist, auf das eine Tugend hingeordnet ist, desto vorzüglicher ist die Tugend. Nun ist das Ziel immer größer als das Mittel. Aber die heiligmachende Gnade ordnet einen Menschen unmittelbar auf eine Vereinigung mit seinem letzten Ziel hin, wohingegen die unentgeltliche Gnade einen Menschen auf das hinordnet, was vorbereitend für das Ziel ist; d. h. durch Prophetie und Wunder und so weiter werden Menschen dazu bewegt, sich mit ihrem letzten Ziel zu vereinigen. Und daher ist die heiligmachende Gnade edler als die unentgeltliche Gnade.
Antwort auf Einwand 1: Wie der Philosoph sagt (Metaph. xii, text. 52), hat eine Vielheit, wie eine Armee, ein doppeltes Gut; das erste ist in der Vielheit selbst, nämlich die Ordnung der Armee; das zweite ist getrennt von der Vielheit, nämlich das Gut des Anführers – und dies ist das bessere Gut, da das andere auf es hingeordnet ist. Nun ist die unentgeltliche Gnade auf das Gemeinwohl der Kirche hingeordnet, welches die kirchliche Ordnung ist, wohingegen die heiligmachende Gnade auf das getrennte Gemeinwohl hingeordnet ist, welches Gott ist. Daher ist die heiligmachende Gnade die edlere.
Antwort auf Einwand 2: Wenn die unentgeltliche Gnade bewirken könnte, dass ein Mensch heiligmachende Gnade hat, würde folgen, dass die unentgeltliche Gnade die edlere wäre; so wie die Helligkeit der Sonne, die erleuchtet, vorzüglicher ist als die eines Objekts, das erleuchtet wird. Aber durch die unentgeltliche Gnade kann ein Mensch nicht bewirken, dass ein anderer die Vereinigung mit Gott hat, die er selbst durch die heiligmachende Gnade hat; sondern er bewirkt gewisse Dispositionen dazu. Daher muss die unentgeltliche Gnade nicht die vorzüglichere sein, so wie im Feuer die Hitze, die ihre Spezies manifestiert, wodurch sie Hitze in anderen Dingen erzeugt, nicht edler ist als ihre substantielle Form.
Antwort auf Einwand 3: Das Fühlen ist auf die Vernunft hingeordnet wie auf ein Ziel; und so ist das Vernunftvermögen edler. Aber hier ist es das Gegenteil; denn was eigen ist, ist auf das, was gemeinsam ist, wie auf ein Ziel hingeordnet. Daher gibt es keinen Vergleich.