I-II, q. 111 a. 3
Ob die Gnade zweckmäßig in zuvorkommende und nachfolgende Gnade eingeteilt wird?
Quaestio 111 · Von der Einteilung der Gnade
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade nicht zweckmäßig in zuvorkommende [praeveniens] und nachfolgende [subsequens] eingeteilt wird. Denn Gnade ist eine Wirkung der göttlichen Liebe. Aber Gottes Liebe ist niemals nachfolgend, sondern immer zuvorkommend, gemäß 1 Joh 4,10: „Nicht als ob wir Gott geliebt hätten, sondern weil er uns zuerst geliebt hat.“ Daher sollte die Gnade nicht in zuvorkommende und nachfolgende eingeteilt werden.
Einwand 2: Ferner gibt es nur eine heiligmachende Gnade im Menschen, da sie ausreichend ist, gemäß 2 Kor 12,9: „Meine Gnade genügt dir.“ Aber dasselbe kann nicht vor und nach sein. Daher wird die Gnade nicht zweckmäßig in zuvorkommende und nachfolgende eingeteilt.
Einwand 3: Ferner wird die Gnade durch ihre Wirkungen erkannt. Nun gibt es eine unendliche Anzahl von Wirkungen – wobei eine der anderen vorausgeht. Wenn also die Gnade im Hinblick auf diese in zuvorkommende und nachfolgende eingeteilt werden müsste, schiene es, dass es unendlich viele Arten der Gnade gäbe. Nun beachtet keine Kunst das zahlenmäßig Unendliche. Daher wird die Gnade nicht zweckmäßig in zuvorkommende und nachfolgende eingeteilt.
Dagegen spricht, dass Gottes Gnade das Ergebnis seiner Barmherzigkeit ist. Nun wird beides in Ps 58,11 gesagt: „Seine Barmherzigkeit wird mir zuvorkommen“, und wiederum Ps 22,6: „Deine Barmherzigkeit wird mir folgen.“ Daher wird die Gnade zweckmäßig in zuvorkommende und nachfolgende eingeteilt.
Ich antworte darauf, dass, wie die Gnade im Hinblick auf ihre verschiedenen Wirkungen in wirkende und mitwirkende eingeteilt wird, sie ebenso in zuvorkommende und nachfolgende eingeteilt wird, wie auch immer wir die Gnade betrachten. Nun gibt es fünf Wirkungen der Gnade in uns: von diesen ist die erste, die Seele zu heilen; die zweite, das Gute zu begehren; die dritte, das vorgesetzte Gute ins Werk zu setzen; die vierte, im Guten zu verharren; die fünfte, zur Herrlichkeit zu gelangen. Und daher wird die Gnade, insofern sie die erste Wirkung in uns verursacht, zuvorkommend genannt in Bezug auf die zweite, und insofern sie die zweite verursacht, wird sie nachfolgend genannt in Bezug auf die erste Wirkung. Und wie eine Wirkung später ist als diese Wirkung und früher als jene, so kann die Gnade aufgrund derselben Wirkung, relativ zu verschiedenen anderen betrachtet, zuvorkommend und nachfolgend genannt werden. Und das ist es, was Augustinus sagt (De Natura et Gratia xxxi): „Sie ist zuvorkommend, insofern sie heilt, und nachfolgend, insofern wir, geheilt, gestärkt werden; sie ist zuvorkommend, insofern wir berufen werden, und nachfolgend, insofern wir verherrlicht werden.“
Antwort auf Einwand 1: Gottes Liebe bezeichnet etwas Ewiges; und daher kann sie niemals anders als zuvorkommend genannt werden. Aber Gnade bezeichnet eine zeitliche Wirkung, die einer anderen vorausgehen und folgen kann; und so kann die Gnade sowohl zuvorkommend als auch nachfolgend sein.
Antwort auf Einwand 2: Die Einteilung in zuvorkommende und nachfolgende Gnade teilt die Gnade nicht in ihrem Wesen, sondern nur in ihren Wirkungen, wie bereits von der wirkenden und mitwirkenden Gnade gesagt wurde. Denn die nachfolgende Gnade, insofern sie zur Herrlichkeit gehört, ist nicht numerisch verschieden von der zuvorkommenden Gnade, durch die wir gegenwärtig gerechtfertigt werden. Denn so wie die Liebe [caritas] der Erde im Himmel nicht aufgehoben wird, so muss dasselbe vom Licht der Gnade gesagt werden, da der Begriff von keinem von beiden Unvollkommenheit impliziert.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Wirkungen der Gnade zahlenmäßig unendlich sein mögen, wie auch die menschlichen Handlungen unendlich sind, werden sie dennoch alle auf einige von einer bestimmten Art zurückgeführt, und überdies stimmen alle darin übere, dass eine der anderen vorausgeht.