I-II, q. 111 a. 2
Ob die Gnade zweckmäßig in wirkende und mitwirkende Gnade eingeteilt wird?
Quaestio 111 · Von der Einteilung der Gnade
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade nicht zweckmäßig in wirkende [operans] und mitwirkende [cooperans] Gnade eingeteilt wird. Denn die Gnade ist ein Akzidens, wie oben gesagt wurde (Quaestio [110], Artikel [2]). Nun kann kein Akzidens auf sein Subjekt einwirken. Daher kann keine Gnade wirkend genannt werden.
Einwand 2: Ferner, wenn die Gnade irgendetwas in uns bewirkt, so bringt sie sicherlich die Rechtfertigung zustande. Aber nicht die Gnade allein wirkt dies. Denn Augustinus sagt zu Joh 14,12 („die Werke, die ich tue, wird auch er tun“) in Sermo 169: „Er, der dich ohne dich erschaffen hat, wird dich nicht ohne dich rechtfertigen.“ Daher sollte keine Gnade schlechthin wirkend genannt werden.
Einwand 3: Ferner scheint das Mitwirken dem untergeordneten Agens zuzukommen und nicht dem Hauptagens. Aber die Gnade wirkt in uns mehr als der freie Wille, gemäß Röm 9,16: „So liegt es nun nicht an dem, der will, noch an dem, der läuft, sondern an Gott, der sich erbarmt.“ Daher sollte keine Gnade mitwirkend genannt werden.
Einwand 4: Ferner sollte eine Einteilung auf einem Gegensatz beruhen. Aber wirken und mitwirken sind nicht entgegengesetzt; denn ein und dasselbe kann sowohl wirken als auch mitwirken. Daher wird die Gnade nicht zweckmäßig in wirkende und mitwirkende eingeteilt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Gratia et Lib. Arbit. xvii): „Gott vollendet, indem er mit uns zusammenwirkt, was er begonnen hat, indem er in uns wirkte; denn er, der durch Mitwirkung mit denen, die wollen, vollendet, beginnt damit, dass er wirkt, damit sie wollen.“ Aber die Wirkungen Gottes, durch die er uns zum Guten bewegt, gehören zur Gnade. Daher wird die Gnade zweckmäßig in wirkende und mitwirkende eingeteilt.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Quaestio [110], Artikel [2]), die Gnade auf zwei Arten verstanden werden kann: erstens als eine göttliche Hilfe, durch die Gott uns bewegt, zu wollen und zu handeln; zweitens als eine habituelle Gabe, die uns göttlich verliehen wurde.
Nun wird die Gnade auf beide Weisen zweckmäßig in wirkende und mitwirkende eingeteilt. Denn die Bewirkung eines Effekts wird nicht dem Bewegten zugeschrieben, sondern dem Beweger. Daher wird bei jenem Effekt, in dem unser Geist bewegt wird und nicht bewegt, sondern in dem Gott der alleinige Beweger ist, die Wirkung Gott zugeschrieben, und in Bezug darauf sprechen wir von „wirkender Gnade“. Aber bei jenem Effekt, in dem unser Geist sowohl bewegt als auch bewegt wird, wird die Wirkung nicht nur Gott, sondern auch der Seele zugeschrieben; und in Bezug darauf sprechen wir von „mitwirkender Gnade“. Nun gibt es einen doppelten Akt in uns. Erstens gibt es den inneren Akt des Willens, und in Bezug auf diesen Akt ist der Wille ein bewegtes Ding, und Gott ist der Beweger; und besonders dann, wenn der Wille, der bisher das Böse wollte, beginnt, das Gute zu wollen. Und daher sprechen wir, insofern Gott den menschlichen Geist zu diesem Akt bewegt, von wirkender Gnade. Aber es gibt einen anderen, äußeren Akt; und da dieser vom Willen befohlen wird, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [17], Artikel [9]), wird die Ausführung dieses Aktes dem Willen zugeschrieben. Und weil Gott uns bei diesem Akt beisteht, sowohl indem er unseren Willen innerlich stärkt, um zum Akt zu gelangen, als auch indem er äußerlich das Vermögen zum Handeln gewährt, sprechen wir in Bezug darauf von mitwirkender Gnade. Daher fügt Augustinus nach den oben genannten Worten hinzu: „Er wirkt, damit wir wollen; und wenn wir wollen, wirkt er mit, damit wir vollenden.“ Und so wird die Gnade, wenn sie als die unentgeltliche Bewegung Gottes verstanden wird, durch die Er uns zum verdienstlichen Guten bewegt, zweckmäßig in wirkende und mitwirkende Gnade eingeteilt.
Wenn aber Gnade als die habituelle Gabe verstanden wird, dann gibt es wiederum einen doppelten Effekt der Gnade, wie bei jeder anderen Form; der erste davon ist das „Sein“, und der zweite die „Tätigkeit“; so ist es das Werk der Hitze, ihr Subjekt heiß zu machen und nach außen hin Wärme abzugeben. Und so wird die habituelle Gnade, insofern sie die Seele heilt und rechtfertigt oder sie Gott angenehm macht, wirkende Gnade genannt; aber insofern sie das Prinzip verdienstlicher Werke ist, die aus dem freien Willen entspringen, wird sie mitwirkende Gnade genannt.
Antwort auf Einwand 1: Insofern die Gnade eine gewisse akzidentelle Qualität ist, wirkt sie nicht effizient auf die Seele ein, sondern formal, wie das Weißsein eine Oberfläche weiß macht.
Antwort auf Einwand 2: Gott rechtfertigt uns nicht ohne uns, weil wir, während wir gerechtfertigt werden, der Gerechtigkeit Gottes durch eine Bewegung unseres freien Willens zustimmen. Dennoch ist diese Bewegung nicht die Ursache der Gnade, sondern die Wirkung; daher gehört die gesamte Wirkung zur Gnade.
Antwort auf Einwand 3: Man sagt von einer Sache, dass sie mit einer anderen zusammenwirkt, nicht nur dann, wenn sie ein sekundäres Agens unter einem Hauptagens ist, sondern wenn sie zu dem beabsichtigten Ziel verhilft. Nun wird dem Menschen durch Gott geholfen, das Gute zu wollen, durch das Mittel der wirkenden Gnade. Und daher wirkt die Gnade, da das Ziel bereits beabsichtigt ist, mit uns zusammen.
Antwort auf Einwand 4: Wirkende und mitwirkende Gnade sind dieselbe Gnade; aber sie werden durch ihre verschiedenen Wirkungen unterschieden, wie aus dem Gesagten klar hervorgeht.