I, q. 82 a. 3
Ob der Wille ein höheres Vermögen ist als der Verstand?
Quaestio 82 · Vom Willen
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille ein höheres Vermögen ist als der Verstand. Denn das Objekt des Willens ist das Gute und das Ziel. Das Ziel aber ist die erste und höchste Ursache. Also ist der Wille das erste und höchste Vermögen.
Einwand 2: Ferner beobachten wir in der Ordnung der natürlichen Dinge ein Fortschreiten von unvollkommenen Dingen zu vollkommenen. Und dies zeigt sich auch in den Vermögen der Seele: denn der Sinn geht dem Verstand voraus, welcher edler ist. Nun folgt der Akt des Willens in der natürlichen Ordnung dem Akt des Verstandes. Also ist der Wille ein edleres und vollkommeneres Vermögen als der Verstand.
Einwand 3: Ferner sind Habitus ihren Vermögen proportioniert, wie Vollkommenheiten dem, was sie vervollkommnen. Aber der Habitus, der den Willen vervollkommnet – nämlich die Liebe (caritas) – ist edler als die Habitus, die den Verstand vervollkommnen: denn es steht geschrieben (1 Kor 13,2): „Wenn ich alle Geheimnisse wüsste und allen Glauben hätte, aber die Liebe nicht hätte, wäre ich nichts.“ Also ist der Wille ein höheres Vermögen als der Verstand.
Dagegen spricht, dass der Philosoph den Verstand für das höhere Vermögen hält.
Ich antworte darauf, dass die Überlegenheit eines Dinges über ein anderes auf zwei Weisen betrachtet werden kann: „absolut“ und „relativ“. Nun wird ein Ding als solches absolut betrachtet, wenn es als solches in sich selbst betrachtet wird: relativ aber, wie es als solches in Bezug auf etwas anderes ist. Wenn daher Verstand und Wille in Bezug auf sich selbst betrachtet werden, dann ist der Verstand das höhere Vermögen. Und dies ist klar, wenn wir ihre jeweiligen Objekte miteinander vergleichen. Denn das Objekt des Verstandes ist einfacher und absoluter als das Objekt des Willens; da das Objekt des Verstandes die Idee des begehrenswerten Guten selbst ist; und das begehrenswerte Gute, dessen Idee im Verstand ist, ist das Objekt des Willens. Nun ist ein Ding, je einfacher und abstrakter es ist, desto edler und höher in sich selbst; und daher ist das Objekt des Verstandes höher als das Objekt des Willens. Da also die eigentliche Natur eines Vermögens in seiner Hinordnung auf sein Objekt liegt, folgt daraus, dass der Verstand in sich selbst und absolut höher und edler ist als der Wille. Aber relativ und im Vergleich mit etwas anderem finden wir, dass der Wille manchmal höher ist als der Verstand, aufgrund der Tatsache, dass das Objekt des Willens in etwas Höherem vorkommt als jenem, in dem das Objekt des Verstandes vorkommt. So könnte ich zum Beispiel sagen, dass das Gehör relativ edler ist als das Gesicht, insofern etwas, worin Klang ist, edler ist als etwas, worin Farbe ist, obwohl Farbe edler und einfacher ist als Klang. Denn wie wir oben gesagt haben (Frage [16], Artikel [1]; Frage [27], Artikel [4]), besteht die Handlung des Verstandes darin, dass die Idee des verstandenen Dinges in dem ist, der versteht; während der Akt des Willens darin besteht, dass der Wille zu dem Ding selbst geneigt ist, wie es in sich selbst existiert. Und deshalb sagt der Philosoph in Metaph. vi (Did. v, 2), dass „Gut und Böse“, welche Objekte des Willens sind, „in den Dingen sind“, aber „Wahrheit und Irrtum“, welche Objekte des Verstandes sind, „im Geiste sind“. Wenn daher das Ding, in dem das Gute ist, edler ist als die Seele selbst, in welcher die verstandene Idee ist; im Vergleich mit einem solchen Ding ist der Wille höher als der Verstand. Aber wenn das Ding, welches gut ist, weniger edel ist als die Seele, dann ist selbst im Vergleich mit jenem Ding der Verstand höher als der Wille. Daher ist die Liebe zu Gott besser als die Erkenntnis Gottes; aber im Gegensatz dazu ist die Erkenntnis körperlicher Dinge besser als die Liebe zu ihnen. Absolut jedoch ist der Verstand edler als der Wille.
Antwort auf Einwand 1: Der Aspekt der Kausalität wird wahrgenommen, indem man ein Ding mit einem anderen vergleicht, und in einem solchen Vergleich wird die Idee des Guten als edler befunden: aber Wahrheit bezeichnet etwas Absoluteres und erstreckt sich auf die Idee des Guten selbst: weshalb sogar das Gute etwas Wahres ist. Aber wiederum ist die Wahrheit etwas Gutes: insofern der Verstand ein Ding ist und die Wahrheit sein Ziel. Und unter anderen Zielen ist dieses das vorzüglichste: wie auch der Verstand unter den anderen Vermögen.
Antwort auf Einwand 2: Was in der Ordnung der Entstehung und der Zeit vorausgeht, ist weniger vollkommen: denn in ein und demselben Ding geht die Potenz dem Akt voraus, und die Unvollkommenheit geht der Vollkommenheit voraus. Aber was absolut und in der Ordnung der Natur vorausgeht, ist vollkommener: denn so geht der Akt der Potenz voraus. Und auf diese Weise geht der Verstand dem Willen voraus, wie die bewegende Kraft dem Beweglichen vorausgeht und wie das Aktive dem Passiven; denn das Gute, das verstanden wird, bewegt den Willen.
Antwort auf Einwand 3: Dieser Grund bewahrheitet sich für den Willen im Vergleich mit dem, was über der Seele ist. Denn die Liebe (caritas) ist die Tugend, durch die wir Gott lieben.