I, q. 82 a. 2
Ob der Wille alles, was er begehrt, mit Notwendigkeit begehrt?
Quaestio 82 · Vom Willen
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille alle Dinge, was immer er begehrt, mit Notwendigkeit begehrt. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. iv), dass „das Übel außerhalb des Bereichs des Willens liegt“. Also tendiert der Wille mit Notwendigkeit zu dem Guten, das ihm vorgelegt wird.
Einwand 2: Ferner verhält sich das Objekt des Willens zum Willen wie das Bewegende zum Beweglichen. Aber die Bewegung des Beweglichen folgt notwendigerweise dem Bewegenden. Also scheint es, dass das Objekt des Willens diesen mit Notwendigkeit bewegt.
Einwand 3: Ferner ist, wie das durch den Sinn erfasste Ding das Objekt des sinnlichen Begehrungsvermögens ist, so das durch den Verstand erfasste Ding das Objekt des intellektuellen Begehrungsvermögens, welches der Wille genannt wird. Aber was vom Sinn erfasst wird, bewegt das sinnliche Begehrungsvermögen mit Notwendigkeit: denn Augustinus sagt (Gen. ad lit. ix, 14), dass „die Tiere durch das Gesehene bewegt werden“. Also scheint es, dass alles, was vom Verstand erfasst wird, den Willen mit Notwendigkeit bewegt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Retract. i, 9), dass „es der Wille ist, durch den wir sündigen und recht leben“, und so erstreckt sich der Wille auf Entgegengesetztes. Also begehrt er nicht alles, was immer er begehrt, mit Notwendigkeit.
Ich antworte darauf, dass der Wille nicht alles, was er begehrt, mit Notwendigkeit begehrt. Um dies deutlich zu machen, müssen wir beachten, dass, wie der Verstand von Natur aus und mit Notwendigkeit den ersten Prinzipien anhängt, so der Wille dem letzten Ziel, wie wir bereits gesagt haben (Artikel [1]). Nun gibt es einige verständliche Dinge, die keine notwendige Verknüpfung mit den ersten Prinzipien haben; wie etwa kontingente Aussagen, deren Leugnung keine Leugnung der ersten Prinzipien beinhaltet. Und solchen stimmt der Verstand nicht mit Notwendigkeit zu. Aber es gibt einige Aussagen, die eine notwendige Verknüpfung mit den ersten Prinzipien haben: wie beweisbare Schlussfolgerungen, deren Leugnung eine Leugnung der ersten Prinzipien beinhaltet. Und diesen stimmt der Verstand mit Notwendigkeit zu, sobald er der notwendigen Verknüpfung dieser Schlussfolgerungen mit den Prinzipien gewahr wird; aber er stimmt nicht mit Notwendigkeit zu, bevor er nicht durch den Beweis die Notwendigkeit einer solchen Verknüpfung erkennt. Dasselbe gilt für den Willen. Denn es gibt gewisse Einzelgüter, die keine notwendige Verknüpfung mit der Glückseligkeit haben, weil der Mensch ohne sie glücklich sein kann: und solchen hängt der Wille nicht mit Notwendigkeit an. Aber es gibt einige Dinge, die eine notwendige Verknüpfung mit der Glückseligkeit haben, durch welche Dinge der Mensch Gott anhängt, in Dem allein die wahre Glückseligkeit besteht. Dennoch hängt der Wille, bis durch die Gewissheit der Göttlichen Schau die Notwendigkeit einer solchen Verknüpfung gezeigt wird, Gott nicht mit Notwendigkeit an, noch jenen Dingen, die von Gott sind. Aber der Wille des Menschen, der Gott in Seinem Wesen schaut, hängt Gott mit Notwendigkeit an, so wie wir jetzt mit Notwendigkeit begehren, glücklich zu sein. Es ist daher klar, dass der Wille nicht alles, was er begehrt, mit Notwendigkeit begehrt.
Antwort auf Einwand 1: Der Wille kann zu nichts tendieren außer unter dem Aspekt des Guten. Weil aber das Gute von vielerlei Art ist, ist der Wille aus diesem Grund nicht mit Notwendigkeit auf eines bestimmt.
Antwort auf Einwand 2: Das Bewegende verursacht also dann mit Notwendigkeit Bewegung im Beweglichen, wenn die Kraft des Bewegenden das Bewegliche übersteigt, so dass dessen gesamte Kapazität dem Bewegenden unterworfen ist. Da aber die Kapazität des Willens das universale und vollkommene Gute betrifft, ist seine Kapazität keinem einzelnen Gut unterworfen. Und deshalb wird er von diesem nicht mit Notwendigkeit bewegt.
Antwort auf Einwand 3: Das sinnliche Vermögen vergleicht nicht verschiedene Dinge miteinander, wie es die Vernunft tut: sondern es erfasst einfach irgendein einzelnes Ding. Daher bewegt es gemäß diesem einen Ding das sinnliche Begehrungsvermögen auf eine bestimmte Weise. Aber die Vernunft ist ein Vermögen, das mehrere Dinge miteinander vergleicht: daher kann das intellektuelle Begehrungsvermögen – das heißt der Wille – von mehreren Dingen bewegt werden; aber nicht mit Notwendigkeit von einem Ding.