I, q. 57 a. 5
Ob die Engel die Geheimnisse der Gnade kennen?
Quaestio 57 · Von der Erkenntnis der Engel in Bezug auf die materiellen Dinge
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel Geheimnisse der Gnade kennen. Denn das Geheimnis der Menschwerdung ist das vorzüglichste aller Geheimnisse. Aber die Engel wussten von Anfang an davon; denn Augustinus sagt (Gen. ad lit. v, 19): "Dieses Geheimnis war in Gott durch die Zeitalter verborgen, doch so, dass es den Fürsten und Mächten in den himmlischen Örtern bekannt war." Und der Apostel sagt (1 Tim 3,16): "Jenem großen Geheimnis der Frömmigkeit, das erschienen ist den Engeln." [*Vulg.: 'Groß ist das Geheimnis der Frömmigkeit, welches ... erschienen ist den Engeln.'] Also kennen die Engel die Geheimnisse der Gnade.
Einwand 2: Ferner sind die Gründe aller Geheimnisse der Gnade in der göttlichen Weisheit enthalten. Aber die Engel schauen Gottes Weisheit, welche Sein Wesen ist. Also kennen sie die Geheimnisse der Gnade.
Einwand 3: Ferner werden die Propheten von den Engeln erleuchtet, wie aus Dionysius (Coel. Hier. iv) klar ist. Aber die Propheten kannten Geheimnisse der Gnade; denn es heißt (Amos 3,7): "Denn der Herr Gott tut nichts, ohne sein Geheimnis seinen Knechten, den Propheten, zu offenbaren." Also kennen Engel die Geheimnisse der Gnade.
Dagegen spricht: Niemand lernt, was er schon weiß. Doch sogar die höchsten Engel erforschen und lernen Geheimnisse der Gnade. Denn es wird festgestellt (Coel. Hier. vii), dass "die Heilige Schrift einige himmlische Wesenheiten beschreibt, wie sie Jesus befragen und von Ihm die Kenntnis Seines göttlichen Werkes für uns lernen; und Jesus, wie er sie direkt lehrt": wie in Jes 63,1 ersichtlich ist, wo auf die Frage der Engel: "Wer ist dieser, der von Edom heraufkommt?", Jesus antwortete: "Ich bin es, der Gerechtigkeit redet." Also kennen die Engel keine Geheimnisse der Gnade.
Ich antworte darauf: Es gibt eine zweifache Erkenntnis im Engel. Die erste ist seine natürliche Erkenntnis, gemäß derer er Dinge sowohl durch sein Wesen als auch durch angeborene Spezies kennt. Durch solche Erkenntnis können die Engel keine Geheimnisse der Gnade kennen. Denn diese Geheimnisse hängen vom reinen Willen Gottes ab: und wenn ein Engel nicht die Gedanken eines anderen Engels lernen kann, die vom Willen dieses Engels abhängen, viel weniger kann er ermitteln, was gänzlich von Gottes Willen abhängt. Der Apostel argumentiert auf diese Weise (1 Kor 2,11): "Niemand weiß, was im Menschen ist [*Vulg.: 'Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als nur ... ?'], als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist." So weiß auch "niemand, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes."
Es gibt eine andere Erkenntnis der Engel, die sie glückselig macht; es ist die Erkenntnis, wodurch sie das Wort sehen, und die Dinge im Wort. Durch solche Schau kennen sie Geheimnisse der Gnade, aber nicht alle Geheimnisse: noch kennen sie alle gleichermaßen; sondern so wie Gott will, dass sie durch Offenbarung lernen; wie der Apostel sagt (1 Kor 2,10): "Uns aber hat es Gott offenbart durch Seinen Geist"; doch so, dass die höheren Engel, die die göttliche Weisheit klarer schauen, mehr und tiefere Geheimnisse in der Schau Gottes lernen, welche Geheimnisse sie den niederen Engeln mitteilen, indem sie sie erleuchten. Einige dieser Geheimnisse kannten sie vom ersten Anfang ihrer Erschaffung an; andere werden sie später gelehrt, wie es ihren Dienstleistungen ziemt.
Antwort auf Einwand 1: Man kann auf zwei Arten vom Geheimnis der Menschwerdung sprechen. Erstens im Allgemeinen; und auf diese Weise war es allen vom Beginn ihrer Glückseligkeit an offenbart. Der Grund hierfür ist, dass dies eine Art allgemeines Prinzip ist, auf das alle ihre Pflichten hingeordnet sind. Denn "alle sind [*Vulg.: 'Sind sie nicht alle.'] dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst für jene, die das Erbe des Heils empfangen sollen (Hebr 1,14)"; und dies wird durch das Geheimnis der Menschwerdung gebracht. Daher war es notwendig, dass alle von ihnen von Anfang an in diesem Geheimnis unterwiesen wurden.
Wir können vom Geheimnis der Menschwerdung auf eine andere Weise sprechen, hinsichtlich seiner besonderen Bedingungen. So waren nicht alle Engel von Anfang an über alle Punkte unterrichtet; sogar die höheren Engel lernten diese später, wie aus der bereits zitierten Passage von Dionysius hervorgeht.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die Engel in der Glückseligkeit die göttliche Weisheit schauen, begreifen sie sie doch nicht vollständig. So ist es für sie nicht notwendig, alles zu wissen, was in ihr verborgen ist.
Antwort auf Einwand 3: Was immer die Propheten durch Offenbarung von den Geheimnissen der Gnade wussten, wurde den Engeln auf vorzüglichere Weise offenbart. Und obwohl Gott den Propheten im Allgemeinen offenbarte, was Er eines Tages bezüglich des Heils des Menschengeschlechts tun würde, wussten die Apostel dennoch einige Einzelheiten desselben, die die Propheten nicht wussten. So lesen wir (Eph 3,4.5): "Daran könnt ihr, wenn ihr es lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen, das in anderen Generationen den Söhnen der Menschen nicht bekannt gemacht wurde, wie es jetzt seinen heiligen Aposteln offenbart ist." Auch unter den Propheten wussten die späteren, was die früheren nicht wussten; gemäß Ps 118,100: "Ich habe mehr Einsicht als die Alten", und Gregor sagt: "Die Kenntnis göttlicher Dinge nahm im Laufe der Zeit zu" (Hom. xvi in Ezech.).