I, q. 57 a. 1
Ob die Engel materielle Dinge erkennen?
Quaestio 57 · Von der Erkenntnis der Engel in Bezug auf die materiellen Dinge
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel materielle Dinge nicht erkennen. Denn der erkannte Gegenstand ist die Vollkommenheit dessen, der erkennt. Materielle Dinge aber können nicht die Vollkommenheiten von Engeln sein, da sie unter ihnen stehen. Also erkennen die Engel keine materiellen Dinge.
Einwand 2: Ferner bezieht sich die intellektuelle Schau nur auf solche Dinge, die durch ihr Wesen in der Seele existieren, wie es in der Glosse heißt [*Zu 2 Kor 12,2, übernommen von Augustinus (Gen. ad lit. xii. 28)]. Die materiellen Dinge aber können nicht durch ihr Wesen in die Seele des Menschen oder in den Geist des Engels eintreten. Daher können sie nicht durch intellektuelle Schau erkannt werden, sondern nur durch imaginäre Schau, wodurch die Bilder der Körper erfasst werden, und durch sinnliche Schau, welche die Körper an sich betrachtet. Nun gibt es bei den Engeln weder eine imaginäre noch eine sinnliche Schau, sondern nur eine intellektuelle. Also können die Engel materielle Dinge nicht erkennen.
Einwand 3: Ferner sind materielle Dinge nicht aktuell verständlich (intelligibel), sondern sie sind erkennbar durch die Erfassung des Sinnes und der Einbildungskraft, was bei Engeln nicht existiert. Also erkennen Engel keine materiellen Dinge.
Dagegen spricht: Was die niedrigere Kraft kann, kann die höhere ebenfalls. Der menschliche Intellekt aber, der in der Ordnung der Natur unter dem des Engels steht, kann materielle Dinge erkennen. Also kann dies der Geist eines Engels umso mehr.
Ich antworte darauf: Die festgesetzte Ordnung der Dinge ist so, dass die höheren Wesen vollkommener sind als die niederen; und dass alles, was in den niederen Wesen mangelhaft, teilweise und auf vielfältige Weise enthalten ist, in den höheren auf hervorragende Weise und in einem gewissen Grad von Fülle und Einfachheit enthalten ist. Daher präexistieren in Gott, als dem höchsten Ursprung der Dinge, alle Dinge überwesentlich in Hinsicht auf sein einfaches Sein selbst, wie Dionysius sagt (Div. Nom. 1). Unter den anderen Geschöpfen aber stehen die Engel Gott am nächsten und ähneln Ihm am meisten; daher haben sie volleren und vollkommeneren Anteil an der göttlichen Güte, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. iv). Folglich präexistieren alle materiellen Dinge in den Engeln einfacher und weniger materiell sogar als in sich selbst, jedoch auf vielfältigere Weise und weniger vollkommen als in Gott.
Nun ist alles, was in einem Subjekt existiert, in ihm nach der Weise dieses Subjekts enthalten. Die Engel aber sind ihrer Natur nach intellektuelle Wesen. Wie also Gott materielle Dinge durch sein Wesen erkennt, so erkennen die Engel sie ebenfalls, insofern sie durch ihre intelligiblen Spezies in den Engeln sind.
Antwort auf Einwand 1: Das Erkannte ist die Vollkommenheit des Erkennenden aufgrund der intelligiblen Spezies, die er in seinem Intellekt hat. Und so sind die intelligiblen Spezies, die im Intellekt eines Engels sind, Vollkommenheiten und Akte in Bezug auf diesen Intellekt.
Antwort auf Einwand 2: Der Sinn erfasst nicht das Wesen der Dinge, sondern nur ihre äußeren Akzidenzien. In gleicher Weise tut dies auch die Einbildungskraft nicht; denn sie erfasst nur die Bilder der Körper. Der Intellekt allein erfasst das Wesen der Dinge. Daher heißt es (De Anima iii, text. 26), dass der Gegenstand des Intellekts das ist, "was eine Sache ist", worin er nicht irrt; ebenso wenig wie der Sinn in Bezug auf sein eigentliches sinnliches Objekt. So sind also die Wesenheiten der materiellen Dinge im Intellekt von Mensch und Engel, wie das Erkannte in dem ist, der erkennt, und nicht gemäß ihrer realen Naturen. Einige Dinge aber sind in einem Intellekt oder in der Seele gemäß beider Naturen; und in beiden Fällen gibt es eine intellektuelle Schau.
Antwort auf Einwand 3: Wenn ein Engel seine Kenntnis der materiellen Dinge aus den materiellen Dingen selbst schöpfen würde, müsste er sie durch einen Prozess der Abstraktion aktuell verständlich machen. Aber er leitet seine Kenntnis von ihnen nicht aus den materiellen Dingen selbst ab; er hat Kenntnis von materiellen Dingen durch aktuell intelligible Spezies der Dinge, welche ihm konnatural (wesensverwandt) sind; so wie unser Intellekt sie hat durch Spezies, die er durch Abstraktion verständlich macht.