I, q. 57 a. 3
Ob die Engel die Zukunft kennen?
Quaestio 57 · Von der Erkenntnis der Engel in Bezug auf die materiellen Dinge
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel zukünftige Ereignisse kennen. Denn Engel sind mächtiger im Wissen als Menschen. Aber einige Menschen kennen viele zukünftige Ereignisse. Also tun dies die Engel umso mehr.
Einwand 2: Ferner sind Gegenwart und Zukunft Unterschiede der Zeit. Der Intellekt des Engels aber steht über der Zeit; denn wie es in De Causis heißt: "Eine Intelligenz hält Schritt mit der Ewigkeit", das heißt, der Ävum (unwandelbaren Dauer). Daher sind für den Geist des Engels Vergangenheit und Zukunft nicht verschieden, sondern er erkennt beides unterschiedslos.
Einwand 3: Ferner versteht der Engel nicht durch von den Dingen abgeleitete Spezies, sondern durch angeborene universale Spezies. Universale Spezies aber beziehen sich gleichermaßen auf Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Daher scheint es, dass die Engel unterschiedslos vergangene, gegenwärtige und zukünftige Dinge kennen.
Einwand 4: Ferner, wie ein Ding aufgrund der Zeit als entfernt bezeichnet wird, so auch aufgrund des Ortes. Engel aber kennen Dinge, die dem Ort nach entfernt sind. Also kennen sie ebenfalls Dinge, die der zukünftigen Zeit nach entfernt sind.
Dagegen spricht: Was das ausschließliche Zeichen der Gottheit ist, gehört nicht den Engeln. Zukünftige Ereignisse zu kennen aber ist das ausschließliche Zeichen der Gottheit, gemäß Jes 41,23: "Verkündet, was künftig kommen wird, so wissen wir, dass ihr Götter seid." Also kennen die Engel keine zukünftigen Ereignisse.
Ich antworte darauf: Das Zukünftige kann auf zwei Arten erkannt werden. Erstens kann es in seiner Ursache erkannt werden. Und so werden zukünftige Ereignisse, die notwendig aus ihren Ursachen hervorgehen, mit sicherem Wissen erkannt; wie dass die Sonne morgen aufgehen wird. Ereignisse aber, die in der Mehrzahl der Fälle aus ihren Ursachen hervorgehen, werden nicht mit Gewissheit, sondern vermutungsweise erkannt; so kennt der Arzt im Voraus die Gesundheit des Patienten. Diese Art, zukünftige Ereignisse zu kennen, existiert in den Engeln, und zwar umso mehr als in uns, als sie die Ursachen der Dinge sowohl universeller als auch vollkommener verstehen; so können Ärzte, die tiefer in die Ursachen eines Leidens eindringen, ein sichereres Urteil über dessen zukünftigen Ausgang fällen. Ereignisse aber, die in der Minderzahl der Fälle aus ihren Ursachen hervorgehen, sind gänzlich unbekannt; wie etwa zufällige und vom Glück abhängige Ereignisse.
Auf eine andere Weise werden zukünftige Ereignisse in sich selbst erkannt. Die Zukunft auf diese Weise zu kennen, gehört Gott allein; und nicht bloß jene Ereignisse zu kennen, die notwendigerweise oder in der Mehrzahl der Fälle geschehen, sondern sogar zufällige und vom Glück abhängige Ereignisse; denn Gott sieht alle Dinge in Seiner Ewigkeit, die, da sie einfach ist, aller Zeit gegenwärtig ist und alle Zeit umfasst. Und daher fällt Gottes einer Blick auf alle Dinge, die in aller Zeit geschehen, als vor Ihm gegenwärtig; und Er schaut alle Dinge, wie sie in sich selbst sind, wie zuvor gesagt wurde, als von Gottes Wissen gehandelt wurde (Frage [14], Artikel [13]). Aber der Geist eines Engels und jeder geschaffene Intellekt bleiben weit hinter Gottes Ewigkeit zurück; daher kann die Zukunft, wie sie in sich selbst ist, von keinem geschaffenen Intellekt erkannt werden.
Antwort auf Einwand 1: Menschen können zukünftige Dinge nicht erkennen, außer in ihren Ursachen oder durch Gottes Offenbarung. Die Engel kennen die Zukunft auf dieselbe Weise, aber viel deutlicher.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl der Intellekt des Engels über jener Zeit steht, nach der körperliche Bewegungen berechnet werden, gibt es doch eine Zeit in seinem Geist gemäß der Aufeinanderfolge intelligibler Konzepte; wovon Augustinus sagt (Gen. ad lit. viii), dass "Gott die geistige Kreatur gemäß der Zeit bewegt". Und so sind, da es eine Aufeinanderfolge im Intellekt des Engels gibt, nicht alle Dinge, die durch alle Zeit geschehen, dem engelhaften Geist gegenwärtig.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl die Spezies im Intellekt eines Engels, insofern sie Spezies sind, sich gleichermaßen auf gegenwärtige, vergangene und zukünftige Dinge beziehen, so stehen dennoch Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nicht in denselben Beziehungen zu den Spezies. Gegenwärtige Dinge haben eine Natur, gemäß derer sie den Spezies im Geist eines Engels ähneln: und so können sie dadurch erkannt werden. Dinge, die erst noch kommen werden, haben noch keine Natur, wodurch sie solchen Spezies angeglichen werden; folglich können sie durch jene Spezies nicht erkannt werden.
Antwort auf Einwand 4: Dinge, die dem Ort nach entfernt sind, existieren bereits in der Natur; und haben Anteil an irgendeiner Spezies, deren Bild im Engel ist; wohingegen dies nicht wahr ist für zukünftige Dinge, wie dargelegt wurde. Folglich gibt es keinen Vergleich.