I, q. 54 a. 2
Ob im Engel das Erkennen das Sein ist?
Quaestio 54 · Von der Erkenntnis der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass im Engel das Erkennen das Sein ist. Denn bei den Lebewesen ist das Leben das Sein, wie der Philosoph sagt (De Anima ii, Text. 37). Aber „Erkennen ist in gewissem Sinne Leben“ (De Anima ii, Text. 37). Daher ist im Engel das Erkennen das Sein.
Einwand 2: Ferner verhält sich Ursache zu Ursache wie Wirkung zu Wirkung. Aber die Form, durch die der Engel ist, ist dieselbe wie die Form, durch die er zumindest sich selbst erkennt. Daher ist im Engel das Erkennen das Sein.
Dagegen spricht: Das Erkennen des Engels ist seine Bewegung, wie aus Dionysius (Div. Nom. iv) klar hervorgeht. Aber das Sein ist keine Bewegung. Daher ist im Engel das Sein nicht das Erkennen.
Ich antworte darauf: Die Tätigkeit des Engels, wie auch die Tätigkeit irgendeines Geschöpfes, ist nicht sein Dasein. Denn wie gesagt wird (Metaph. ix, Text. 16), gibt es eine zweifache Art von Tätigkeit; eine, die auf etwas Äußeres übergeht und darin ein Erleiden verursacht, wie Brennen und Schneiden; und eine andere, die nicht nach außen übergeht, sondern im Wirkenden verbleibt, wie Fühlen, Erkennen, Wollen; durch solche Tätigkeiten wird nichts Äußeres verändert, sondern die ganze Tätigkeit findet innerhalb des Wirkenden statt. Bezüglich der ersten Art von Tätigkeit ist ganz klar, dass sie nicht das Dasein des Wirkenden selbst sein kann: weil das Dasein des Wirkenden als in ihm seiend bezeichnet wird, während eine solche Tätigkeit etwas bezeichnet, das vom Wirkenden in das Getane ausgeht. Die zweite Tätigkeit aber hat ihrer eigenen Natur nach Unendlichkeit, entweder schlechthin oder beziehungsweise. Als Beispiel für einfache Unendlichkeit haben wir den Akt „Erkennen“, dessen Objekt „das Wahre“ ist; und den Akt „Wollen“, dessen Objekt „das Gute“ ist; jedes von diesen ist mit dem Seienden konvertibel; und so beziehen sich Erkennen und Wollen von sich aus auf alle Dinge, und jedes empfängt seine Spezies von seinem Objekt. Der Akt der Sinneswahrnehmung aber ist beziehungsweise unendlich, denn er bezieht sich auf alle sinnlich wahrnehmbaren Dinge; wie das Sehen auf alle sichtbaren Dinge. Nun ist das Sein jedes Geschöpfes auf eines in Gattung und Art beschränkt; Gottes Sein allein ist schlechthin unendlich und umfasst alle Dinge in sich, wie Dionysius sagt (Div. Nom. v). Daher ist die göttliche Natur allein ihr eigener Akt des Erkennens und ihr eigener Akt des Willens.
Antwort auf Einwand 1: Leben wird manchmal für das Dasein des lebenden Subjekts genommen: manchmal auch für eine vitale Operation, das heißt, für eine, durch die sich etwas als lebendig erweist. In dieser Weise sagt der Philosoph, dass Erkennen in gewissem Sinne Leben ist: denn dort unterscheidet er die verschiedenen Stufen der Lebewesen gemäß den verschiedenen Funktionen des Lebens.
Antwort auf Einwand 2: Die Wesenheit eines Engels ist der Grund seines gesamten Daseins, aber nicht der Grund seines gesamten Erkennens, da er nicht alles durch seine Wesenheit erkennen kann. Folglich wird sie in ihrer eigenen spezifischen Natur als eine solche Wesenheit mit dem Dasein des Engels verglichen, wohingegen sie mit seinem Akt des Erkennens verglichen wird, insofern sie in der Idee eines universelleren Objekts eingeschlossen ist, nämlich Wahrheit und Sein. So ist offensichtlich, dass, obwohl die Form dieselbe ist, sie doch nicht Prinzip des Daseins und des Erkennens gemäß derselben Formalität ist. Aus diesem Grund folgt nicht, dass im Engel „Sein“ dasselbe ist wie „Erkennen“.