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„Aber er ist nicht katholisch!“ Mit diesem Satz beginnt für die junge Marie ein schicksalhaftes Gespräch. Ihr Seelsorger warnt sie eindringlich vor den tiefen Gräben
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»Grüß Gott, Herr Pater!« so empfängt mich das Fräulein, das an der Klosterpforte auf mich wartet. »Ich bin's, die Marie!« — Die Marie? Ja, richtig! Fast hätte ich sie nicht gekannt.
»Ei, schau da! Du bist's wirklich? Du mußt schon entschuldigen. Aber im ersten Augenblick hab' ich dich nicht erkannt, so hast du dich verändert. Wie es etwa geht, wenn man als Kind vom Lande in die Stadt zieht. Aber ich glaub', du bist trotzdem die gleiche geblieben.«
Wird es nicht so sein? Wenn ein Menschenkind, das gut und unverdorben seine Jungmädchenjahre verlebt hat, in die Fremde geht, nach zwei, drei Jahren für ein paar Tage heimkommt und gleich den Weg zum Seelsorger findet: da kann sich sicher nicht viel geändert haben.
Bald sitzen wir im Sprechzimmer einander gegenüber. Allerhand weiß Marie zu berichten. Von diesem und jenem ist die Rede, von der Fremde und von der Heimat, und was sich hier inzwischen alles geändert und ereignet hat.
Marie erzählt von ihrer Arbeit und ihrer Stelle, vom Leben in der Stadt und von der Welt, die sie da getroffen hat. Ihr Auge ist dabei klar wie der Blick eines Menschen, der gerade Wege gegangen ist und nichts zu verbergen hat.
»Gott sei Dank, Herr Pater! Ich habe meinen Vorsatz gehalten und bin brav geblieben, auch wenn die Gefahr oft genug in handgreifliche Nähe gekommen ist. Maria, deren Kind ich hier in der Kongregation geworden bin, hat mich beschützt.«
Soll sich ein Priester nicht freuen, wenn er solches hört? Aber etwas fällt mir auf: Marie, die sonst so gesprächig und auskunftsfreudig ist, wird plötzlich still und bedächtig. Es ist grad, als ob das Gespräch einem wunden Punkt zusteuern würde. Ob es etwa diese Frage ist, die ich unvermittelt an sie richte:
»Marie, jetzt bist du gut einundzwanzigjährig. Wie steht es da mit deiner Standeswahl?«
»Herr Pater, deswegen bin ich eigentlich zu Ihnen gekommen. Über das wollte ich mich mit Ihnen beraten. Ich habe nämlich einen Burschen kennengelernt. Er ist der Bruder einer Mitarbeiterin, die ich dann und wann besuchte. So lernten wir uns kennen. Er ist fleißig und rechtschaffen, hat auch eine gute Stelle, so daß er bald eine Familie gründen könnte. A b e r —« und hier macht unsere Marie eine kleine, sorgenvolle Pause — »A b e r, er ist nicht katholisch! Was meinen Sie dazu?«
Forschend, fragend blickt sie mich an, um schon an meiner Miene das Urteil abzulesen. Eine Zeitlang ist es still. Eine unendlich schicksalschwere Frage ist es, die Marie da gestellt hat, die ernste und ganze Antwort verlangt. Ein Mädchen, das seine Jugend — und es ist eine brave und frohe Jugendzeit gewesen — in einer katholischen Pfarrei verlebte, wandert aus in die Fremde und ist im Begriff, seine Liebe und sein Leben und damit auch ein gutes Stück seiner Seele einem Andersgläubigen zu schenken.
Was soll der Seelsorger in diesem Fall für eine Antwort geben? Doch, ist eigentlich eine Antwort nötig? Unsere Marie weiß ganz genau, wie sich die Kirche dazu einstellt, sonst hätte sie gar nicht gefragt. Sie weiß doch, daß die Kirche diese Ehen verbietet und nur ganz ungern und unter schweren Bedenken die Erlaubnis dazu gibt.
»Was sagen Sie dazu?« Immer noch wartet Marie auf eine Antwort. Und da keine kommt, fährt sie fort:
»Daheim wissen sie noch nichts davon. Ich wollte mir alles erst gut überlegen. Sie kennen meine Eltern; die werden kaum damit einverstanden sein, vor allem meine Mutter nicht.«
Ich kenne die Eltern und weiß, daß die Mutter eine kernfromme, tiefgläubige Frau ist, die auch die Kinder in diesem Sinn erzogen hat. Der Schritt ihrer Tochter würde ihr eine schwere, furchtbar schwere Last und Enttäuschung sein.
»Marie, es ist schön und recht, daß du mit dieser wichtigen Frage zum Priester kommst, um dich beraten zu lassen. Du hast also doch im Sinn, dich nach dem Standpunkt der Kirche zu richten. Du darfst aber von mir nicht erwarten, daß ich ganz »Ja« oder schroff »Nein« sage. Ich hätte wirklich nicht das Recht und auch nicht den Mut dazu. Weder zum einen noch zum andern. Schon weil ich die Verhältnisse nicht näher kenne. Genau so handelt die Kirche selber. Sie verbietet im allgemeinen die Mischehe. Aber in Einzelfällen und unter Umständen erteilt sie die Dispens dazu. Das heißt, dann, wenn die Ehe kirchlich geschlossen wird, wenn die katholische Kindererziehung gewährleistet wird und für den katholischen Teil keine Gefahr des Glaubensabfalls besteht. Mit diesem Verbot, das weißt du wohl, will die Kirche durchaus nicht den andersgläubigen Teil verurteilen. Das wäre nicht am Platz. Es gibt eben unter Andersgläubigen viele rechte und feine, auch fromme Menschen, die uns beschämen. Ich selber habe einen Teil meiner Jugendzeit in der Diaspora verlebt. Als einziger katholischer Bub meiner Klasse saß ich unter lauter Andersgläubigen auf der Schulbank und habe manchen flotten, rechtschaffenen Kameraden kennen gelernt. Auch sind mir Ehen bekannt, die, soweit man von außen beurteilen kann, nicht unglücklich sind, deren Kinder fromm und kirchentreu erzogen werden. Doch handelt es sich dann gewöhnlich um solche Ehen, in denen die Mutter katholisch ist. Denn, wo es um die religiöse Erziehung der Kinder geht, spricht wohl sie das ausschlaggebende Wort.«
»Sehen Sie, Herr Pater, das wäre auch hier bei uns der Fall«, wirft Marie ein.
»Schon recht. Aber mit dem ist's nicht immer getan und die Gefahr nicht unbedingt behoben. Wart' einmal, mir ist, ich hätte vor kurzem etwas gelesen, das dir ein wenig ein Bild geben kann, wohin die Mischehe führt.«
Ich suche in meinen Sammelmappen, in denen ich wichtige Mitteilungen aus Zeitungen und Zeitschriften und so weiter nach einzelnen Fachgebieten gesammelt habe. In der Mappe »Ehe und Familie« finde ich bald die Abschrift eines Berichtes aus der »Schweizerische Kirchenzeitung« von 1939.
»Hier ist es. Ich will dir vorlesen, was ein Diaspora-Seelsorger berichtet. Er hat erst vor kurzem eine neugegründete Pfarrei angetreten und erzählt von seinen ersten Erlebnissen und Eindrücken.
»Ein Katholik sagt mir, leider sei seine Frau nicht seines Bekenntnisses und könne darum die Kinder nicht katholisch erziehen. Er selber sei religiös gleichgültig geworden und seit Jahrzehnten nicht mehr zu den Sakramenten gegangen. — Von den Kindern erfuhr der Pfarrer, daß sie den Vater, der doch katholisch sein sollte, noch nie beten gesehen haben. Folgen der gemischten Ehe!
Ein Familienbesuch. Der Mann ist nicht getauft, stammt von protestantischen Eltern. Die Frau ist katholisch. Die Ehe wurde zivil geschlossen. Das erste Kind ist noch katholisch getauft, die andern schon protestantisch.
Eine brave Dienstmagd meldet, ihr Meister liege krank im Bett. Man möge für ihn beten. Es stellt sich heraus: er stammt aus einer zehnköpfigen Familie, wo die Mutter katholisch war, aber alle Kinder protestantisch getauft wurden. Er selber, der Meister, hatte wieder eine katholische Frau, aber die Kinder waren protestantisch.
Ein anderes Beispiel: Ein älterer, gebrechlicher Mann, dem der Pfarrer die Osterkommunion bringt, klagt, daß von seinen acht Kindern sieben nicht katholisch geheiratet hätten. Einer der Söhne halte sogar im Hause Versammlung einer Sekte, die regelmäßig bete: »Wir danken Dir, Gott, daß wir nicht katholisch sind, nicht heidnisch und nicht ungläubig.«
»Das, Marie, sind so einige Beispiele. Sie sind nicht erfunden oder weit hergeholt. Sie haben sich erst kürzlich ereignet und zwar nur wenige Kilometer vom Ort entfernt, wo du deinen Wohnsitz nehmen würdest. Wie du siehst, immer ist das gleiche schuld an der Glaubensgleichgültigkeit oder am Glaubensabfall: die gemischte Ehe. Es würde traurige Zahlen geben, wenn man alle zusammenrechnen könnte, die auf diesem Weg der Kirche verloren gegangen sind«
Marie ist merklich still und verlegen geworden. Und sie hat Grund dazu. Es ist ein wirklich trauriges Bild, das sich hier kundtut
»Aber, Herr Pater,« meint sie schließlich, »sind das nicht die bösen Ausnahmen? Vielleicht steht es nur dort so schlimm, wo die Seelsorge zu spät einsetzt, wie eben in dieser neuen Pfarrei? Mein zukünftiger Mann wohnt aber in einer Stadt, wo blühendes katholisches Leben herrscht. Die Kirche ist ganz nahe, und mir und meinen Kindern wird es ein leichtes sein, unsern religiösen Pflichten nachzukommen.«
»Mag sein, Marie, mag sein. Die Kirche sei ganz in der Nähe, sagst du. Da fällt mir ein Beispiel ein aus meiner eigenen Jugendzeit, von einer Frau, die auch in der Nähe der Kirche wohnte. Es war in den Tagen vor Fronleichnam. Da schickte der Herr Pfarrer uns Ministranten zu ihr, um Blumen für den Altarschmuck zu holen. Baff schaute ich den Herrn Pfarrer an. Wie? In jenem Haus Blumen holen für die katholische Kirche? »Die sind gar nicht katholisch«, wagte ich einzuwenden. Noch erinnere ich mich an seine Antwort: »Doch, die Frau wenigstens sollte es sein.«
Als wir in den herrschaftlichen Garten kamen, lag ein ganzer Blumenberg bereit. Den gab sie uns mit. Die Blumen fanden den Weg zur Kirche, sie selber jedoch nicht, weil eine unerlaubte Ehe ihr den Weg zu den Sakramenten versperrte. Ob nicht die Blumen, die sie trotzdem schenkte, ein Zeichen ihres Heimwehs nach Gott und dem Glauben ihrer Kinderjahre gewesen sind? Stell' dir das einmal vor: so nah bei der Kirche wohnen, Tag für Tag die Glocken hören und doch ausgeschlossen sein von der kirchlichen Gemeinschaft, weil man sich selber ausgeschlossen hat! Vielleicht wirkt der Glockenklang wie eine Gnadenstimme Gottes, die ihr keine Ruhe läßt, sondern sie zurückruft und zurückholt. Aber dann könnten andersgläubige Kinder und die Jahrzehnte des verbotenen Zusammenlebens den Weg verrammeln.«
Marie hat einen roten Kopf bekommen, wie sie mir ins Wort fällt:
»Herr Pater, was denken Sie von mir? So weit wird es bei uns nicht kommen. Ich will unbedingt kirchlich heiraten. Nie und nimmer würde ich in eine protestantische oder nur zivile Trauung einwilligen. Und die Kinder müssen selbstverständlich katholisch sein. Ich werde meiner Kirche treu bleiben. Mein zukünftiger Mann hat nichts dagegen.« Ganz warm hat sich Marie bei ihrer Verteidigung geredet.
»Das freut mich, daß du so denkst. Ich hätte von dir nichts anderes erwartet. Aber weißt, Tausende haben in deiner Lage gedacht wie du und haben auch kirchlich geheiratet. Aber später haben sie trotzdem ihren Schritt bereut.«
»Bereut? Wieso? Dann hat sie ihr Mann getäuscht und sein Wort nicht gehalten. Ich aber weiß, daß meiner sein Versprechen halten wird. Da kenn' ich ihn zu gut.«
»Wir wollen es hoffen. Es würde dir ja sonst das Herz brechen. Und du verdienst es doch, glücklich zu werden, hier in dieser Welt und drüben in der Ewigkeit. Aber mich plagt noch ein Bedenken. Ich stelle mir eine schöne katholische Ehe so vor: Mann und Frau gehen miteinander, nicht nur durch dieses irdische Leben, das so vergänglich ist, sondern auch ins ewige Leben hinein. In einer Mischehe jedoch wird dieses vollständige Zusammengehen verunmöglicht. Hast du auch schon daran gedacht, daß dein Mann in deinen wichtigsten seelischen Fragen und Wanderungen nicht mit dir Schritt halten wird? Dir ist der Heiland lieb und wert. Ich weiß es. Er gilt dir alles. Was gilt er ihm? Vielleicht viel. Und doch, ihr steht hier, wo es uns Heiligste geht, nicht auf gleichem Boden. Am Hochzeitstag schon wirst du das schmerzlich fühlen. An jenem Morgen wirst du ohne ihn am Tisch des Herrn knien. Es sollte dein großer Freudentag sein, aber er, dem in wenigen Stunden dein Leben gehören wird, fehlt. Und er wird fehlen, jedesmal wird er fehlen, wenn deine Seele religiöse Feierstunden hält. Genau so wird es sein, wenn deine Kinder zum ersten Mal zum Tisch des Herrn gehen. Sie werden sich umsonst nach dem Vater umschauen. Selbst wenn er zartfühlend schweigt, er versteht doch ihr seliges Kinderglück an diesem Tag nicht.
Ihr werdet bei eurer Eheschließung keine heilige Messe haben. Wohl spendet ihr euch gegenseitig, weil ihr beide Christen seid, das heilige Ehesakrament. Wohl vollzieht sich geheimnisvoll die Vermählung, von der die heilige Paulus schreibt, daß sie in ihrer Gnadenfülle ein Abbild der Verbindung zwischen Christus und seiner Kirche sei. Denn der christliche Mann ist das Abbild Christi, die Frau aber das Abbild unserer mütterlichen Kirche. Vergiß das nicht: der Mann sollte in der christlichen Ehe das Abbild Christi sein, also auch dein nicht-katholischer Mann! Wie weit wird er es wohl sein? Das ist keine gleichgültige, unbedeutende Frage; denn davon hängt ab, wie viel ihr von der Fülle des Ehesakramentes empfangen werdet. Das können wir freilich nicht sehen und auch nicht mit Händen greifen, wohl aber ein wenig ahnen. Ein katholischer Mann oder Jungmann jedoch hat immer wieder Gelegenheit durch unsere heiligen Sakramente, durch Beicht und Kommunion mit Christus in Berührung zu kommen, so daß der göttliche Meister selber mithilft, diese Ähnlichkeit in ihm herauszuarbeiten. Wie steht es aber mit einem Mann, der seit der heiligen Taufe nie mehr durch ein heiliges Sakrament mit Gott in Berührung gekommen ist?
Wird dich darum nicht im Augenblick des bindenden Ja-Wortes der Gedanke schrecken, er könnte etwa dieses Sakrament eurer Elternweihe unwürdig empfangen, weil er sich nicht wie du durch eine gute Beicht reinigen und darauf vorbereiten konnte! Überleg es dir gut, Marie! Ihr werdet auch sonst seelisch nie einander ganz nahe kommen, während doch Verheiratetsein volles Zusammenklingen bedeuten sollte. Jedes Fest wird dich seelisch einsam machen und eine bange Frage in dir wachrufen: wo steht er, der mir der Liebste und Nächste ist? Wohin kommt er, wenn einmal unser Leben zur Neige geht? Werden wir uns im Himmel wiederfinden, daß dort in der Seligkeit unsere Liebe ihre glückliche Fortsetzung finde? Und, Marie, wenn es in eurem Zusammensein einen Zwiespalt gegeben hätte, was ja in jeder Ehe einmal vorkommen kann; oder wenn gar Sündhaftes euch befleckt hätte? Du könntest durch eine gute, reuevolle Beicht die Seele wieder in Ordnung bringen. Müßte dich aber nicht der Kummer plagen, daß du ihm einen seelischen Schaden zugefügt hättest, den er nicht in gleicher Weise gut machen kann, weil ihm sein Glaube kein solches Gnadenmittel bietet, wie wir es in der heiligen Beicht haben? Oder denk dir gar das: wenn er eine ganz andere Auffassung von der Ehe und ihrer Unauflöslichkeit hätte, wenn das, was du als verboten betrachtest, in seinen Augen erlaubt scheinen sollte? Wie leicht kommt ein Andersgläubiger dazu, in der Ehe nur die Lust und nicht die Last zu suchen, den Kindersegen in einer Art und Weise zu verhüten, die du unbedingt als schwer sündhaft betrachten mußt! Siehst du die Kluft, die zwischen Eheleuten besteht, die nicht gleichen Glaubens sind!
Hier stimmt wirklich das Bild von der abgebrochenen Brücke. Denn in einer Misch-Ehe wandern zwei liebende Menschen oft genug auf verschiedenen Ufern des gleichen Flusses und können nicht zu einander hinüber, weil nur der gleiche Glaube die Brücke bildet, auf der sie sich finden. Und Ehe, christliche Ehe vor allem, sollte doch volle Lebensgemeinschaft und volles Sich-Verstehen sein.«
Fast erschrocken blickt mich Marie eine Zeitlang an. Offenbar hat sie nie an alle Möglichkeiten gedacht. Aber Eindruck scheinen ihr diese Schwierigkeiten zu machen, weil sie kein oberflächlicher Mensch ist. Schließlich huscht doch eine Freude über ihr Gesicht: ein guter Einfall scheint ihr gekommen zu sein:
»Unsere Kinder! In ihnen werden wir uns finden! Sie werden das einigende Band sein. Ihre Reinheit und später ihre Frömmigkeit werden ihn mitreißen und erobern.«
Ich muß lächeln. Im Geiste denke ich mich zehn Jahre zurück. Sehe ein Mädchen vor mir sitzen, mit lachenden Augen und frischroten Backen, mit Zöpfen, die nie zur Ruhe kommen wollten, sondern immer hin und her fuchtelten, weil die kleine Marie, dieses Quecksilber, nicht still sitzen konnte. Und wie das Fingerchen beständig in der Höhe war! Denn der kleine Naseweis wollte seine Weisheit leuchten lassen und konnte recht ungeduldig werden, wenn er nicht zum Aufsagen an die Reihe kam. — Was dieses Kind doch damals zustande gebracht hatte! Ich denke an den Weißen Sonntag. An jenem Morgen knieten Maries Vater und Mutter an der Kommunionbank. Der Vater, ein sonst rechtschaffener Mann, nach Jahren wieder zum erstenmal. Der Ernst und Eifer seines Kindes hatten es ihm angetan und hatten den kalten, kirchenfernen und kirchenfremden Mann wieder warm gemacht. Jetzt sitzt die große Marie vor mir, gesund und unverdorben wie damals. Immer noch ein Kind vor Gott, aber auf dem Weg zu einer großen Dummheit, die sie für ganze Leben todunglücklich machen könnte.
»Kinder können binden, Marie, du hast recht. Aber sie können auch trennen! Besonders in einer Mischehe! Kann nicht gerade das den protestantischen Vater den Kindern seiner Frau gegenüber einsam machen, daß er nicht ihres Glaubens ist und sie nicht recht versteht? Ich kenne eine gute währschaften, katholische Frau, die ihre Kinder treu in ihrem Glauben erzieht. Ihr Mann, ein edler Protestant, habe noch nie ein Wort dagegen einzuwenden gehabt, habe noch nie in all diesen Jahren auch nur ein Wort verlauten lassen, daß er irgendwie darunter leidet. Aber letzthin — so erzählte mir die Frau — habe er zu ihr gesagt: »Du Frau, wenn unsere Kinder ins heiratsfähige Alter kommen, sorge dafür, daß sie einen Katholiken heiraten.« So sprach er, der Protestant, der noch nie durch ein Wort merken ließ, daß er unter der Glaubensverschiedenheit gelitten hat. Kinder haben so scharfe Augen. Wirst du ihnen deinen heiligen Glauben heilig und lieb ans Herz legen können, wie es deine Mutter tat, wenn sie schon früh merken, daß der Vater in dieser wichtigen Frage ganz anderer Ansicht ist? Sie sehen doch, daß du allein mit ihnen am Sonntag in die Kirche gehst, während der Vater den Tag des Herrn allein feiert, falls er ihn überhaupt feiert. Wie leicht könnte sich im Köpfchen der Kleinen der gefährliche Gedanke einnisten:
Warum glaubt der Vater nicht das gleiche wie die Mutter und wir? Ist es etwa gleich, was man glaubt? Oder: will der Vater nicht an die Wahrheit glauben, daß er nicht katholisch ist wie wir?
Glaub' es mir, in einer Mischehe wird die katholische Mutter oft genug den frommen Eifer der Kinder zurückdämmen müssen, aus Liebe und Rücksicht zum Vater. Sie kann in die Lage kommen, das Gebet und Kirchengehen ihrer Kleinen verbergen oder erschleichen zu müssen, nur, um ihn nicht zu verletzen und ihn nicht merken zu lassen, daß seine Kinder ihr näher stehen als ihm. Es muß ja nicht immer so sein. Aber in vielen, vielen Fällen wird die Mutter dem häuslichen Frieden zulieb von der heiligen Rücksichtslosigkeit, mit der wir unsern Glauben betätigen sollten, abgehen. Das gibt dann glaubenskalte und gleichgültige Kinder. Kein Wunder, daß die meisten Kirchenaustritte aus gemischten Ehen kommen.«
»Meine Kinder sollen eifrige und fromme Katholiken werden, genau so, wie wir es von zuhaus aus gewöhnt sind«, wirft Maria entschieden ein. »Meine ganze Kraft will ich dafür einsetzen.«
»So haben andere auch gesprochen und es fehlte ihnen nicht der gute Wille, es durchzuführen. Aber ein Leben lang gegen den Strom schwimmen ist nicht leicht. Hie und da hat die andersgläubige Umgebung mit ihrem Spott in kurzer Zeit die Kraft einer Mutter gebrochen. Es ist halt ein großer Unterschied, wohin man heiratet. Wenn du hier in dieser Gemeinde einen Andersgläubigen heiraten würdest, wäre die Gefahr sicher kleiner. Die Eltern stünden dir zur Seite und das ganze Ansehen, das die Kirche in einer solchen Gemeinde besitzt. Aber wie wird es sein, wenn du allein stehst? Und zu allem noch etwas: Des Menschen Macht ist begrenzt. Wie stünde es um deine Kinder und ihren Glauben, wenn dich der Tod frühzeitig a b b e r u f e n würde? Dich würde freilich keine Schuld treffen. Aber niemand wäre nachher da, um die Kleinen im Glauben der Mutter aufzuziehen und zu bestärken. Wahrscheinlich würden sie der Kirche verloren gehen.«
Maries Auge ist feucht geworden. Dieser Grund scheint auf ihr Frauenherz den stärksten Eindruck zu machen. Von Kindern wegsterben, ach, wie ist das für eine Mutter schwer! Es ist dann besonders schwer, wenn die Kinder noch nicht erwachsen sind und der Mann nicht gleichen Glaubens ist. Aber wenn etwas das Scheiden einer gläubigen Mutter mit Trost erfüllen kann, dann ist es sicher der Gedanke: »Seelen und Glaube meiner Kinder sind in guter Hut.«
»Könnte er nicht katholisch werden? Ich habe ihn deswegen schon gefragt und er meinte, es sei ihm gleich.«
Ein letzter Hoffnungsstrahl, an den sie sich festklammert.
»Marie, wo denkst du hin? Beim Glauben ist's nicht wie mit einem Hut, den man wechselt je nach der Mode und Jahreszeit. Zum Katholisch-werden darf es einem nicht gleich sein. Katholisch ist und wird man nur aus heilig-tiefer Überzeugung. Wir haben genug solcher lauer Katholiken, denen leider ihr Glaube »gleich« ist. Mit »Bekehrungen« und Übertritten dieser Art ist uns nicht gedient. Schon daß es diesem Jungmann gleich wäre, den Glauben ohne weiteres zu wechseln, ohne die Überzeugung, daß unser Glaube der bessere ist, zeigt, daß er religiös nicht viel wert ist. Und ist er es jetzt nicht, wird er es auch später als Katholik nicht sein.«
Eine lange Pause entsteht. Marie überlegt und überdenkt, kämpft und ringt mit sich selber. Vielleicht ist es der wichtigste und schwerste Kampf ihres Lebens.
Heiliger Geist, Du Erleuchter und Helfer in allen wichtigen Entscheidungen, gib ihr Kraft und Licht, das Richtige und Gottgewollte zu wählen!
»In diesem Fall«, meint Marie nach einer Weile, »wird es wohl das beste sein, wenn ich auf ihn verzichte? Nicht wahr, das ist der Rat, den Sie mir geben?«
»Allerdings! Das solltest du tun und zwar möglichst bald, bevor die gegenseitige Zuneigung zu groß geworden ist und dir dieses Neinsagen zu schwer fällt. Lieber keine Familie gründen als eine, deren Glück vom Zufall abhängt und auf so unsichern Füßen steht. Es steht zu viel auf dem Spiel, für dich und die Kinder, die Gott dir schenken will.
Das Opfer des Verzichtes mag dir wohl im ersten Augenblick schwer fallen. Ihm sicher auch. Ich vermute sogar: ihm noch mehr als dir. Denn deine Persönlichkeit, dein Wesen, das an den Kraftquellen, wie sie unser heilige Glaube bietet, groß geworden ist, haben ihm Eindruck gemacht. Daher kommt es, daß oft gerade solche Jungfrauen, die in der Pfarrei vorn standen, ja Marienkinder gewesen sind, vor einer Mischehe stehen. Dein Auserwählter wird sich wie so viele andere sagen, daß er so etwas Feines sonst nirgends findet. Laß ihn trotzdem! Du hast in erster Linie auf dich zu schauen und für dich und deine Seele zu sorgen.
Der Herrgott wird dir sicherlich das Opfer lohnen. Der Verzicht wird dich noch inniger mit deinen Eltern verbinden, denn du dachtest bei diesem Opfer auch an sie und wolltest ihnen einen Kummer ersparen. Auf keinen Fall darfst du in dir den Gedanken aufkommen lassen, als ob dein Leben jetzt verpfuscht oder lichtlos und liebeleer würde. Das ist eine Versuchung des bösen Feindes. Denk' daran, Marie, Gott ist die Liebe! Und alle schöne, reine Liebe geht auf Ihn zurück und kommt von Ihm her. Auch die Liebe zwischen Braut und Bräutigam, zwischen Mann und Frau. Er wird, wenn du zur Ehe bestimmt bist, dafür sorgen, daß du einen jungen Menschen findest, mit dem du nicht nur in der Liebe, sondern auch im heiligen Glauben einig bist. Was wird das für eine schöne Familiengründung sein, wenn der Gott der ewigen Liebe der Dritte im Bunde ist. Ich zweifle nicht, dann wirst du die Stunde segnen, wo du dich so entschieden hast. O sicher, in alle Ewigkeit wirst du sie segnen!«
Marie nickt zustimmend zu meinen Worten. Und fest und entschlossen reicht sie mir die Hand, wie sie sich verabschiedet. Es ist ein heiliges, opfergroßes Versprechen:
»Ich danke Ihnen für alles, was Sie mir gesagt haben. Es ist doch gut gewesen, daß ich gekommen bin — trotz allem! Ich werde ihm schreiben, daß er weiß, woran er ist. Schriftlich läßt sich so etwas besser machen.«
Nach ein paar Wochen kommt von ihr ein Brief. Darin steht:
»Ich habe mein Versprechen gehalten. Es ging mir zwar schwerer, als ich damals geglaubt habe. Besonders hart war es, als er mich auf meinen Absagebrief hin aufsuchte und mich drängte, meinen Entschluß zu ändern. Aber jetzt ist es glücklich überstanden. Und, Herr Pater, ich bin doch froh, daß ich mich so entschieden habe. Auf dem andern Weg wär' ich nicht glücklich geworden. Jetzt sehe ich es klar ein. Nochmals vielen Dank.«
Auch ich danke Gott von Herzen. Nicht alle jungen Menschen lassen sich in gleicher Lage so vom Priester beraten, und noch weniger sind sie zum Verzicht bereit!
Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen könnten, würden wir Marie am Traualtar sehen, ihr zur Seite ein flotter katholischer Jungmann. Die Liebe ist schön und übernatürlich in ihrem Leben aufgeblüht. Mitsammen gehen die zwei durchs Leben, Gott entgegen, dem sie durch den Segen und die Gnade des gleichen Glaubens verbunden sind.
Und ein Jahrzehnt später ein anderes Bild: Marie ist umringt von einer muntern Kinderschar. Eine glückliche Mutter ist sie, auf der sichtbar der Segen Gottes ruht, und die ihrem Mann und der Kirche Gottes glaubensfrohe und glaubenstreue Kinder heranzieht.
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