III, q. 9 a. 4
Ob Christus irgendein erworbenes Wissen hatte?
Quaestio 9 · Vom Wissen Christi im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass es in Christus kein empirisches und erworbenes Wissen gab. Denn was immer Christus geziemte, besaß er auf vollkommenste Weise. Nun besaß Christus das erworbene Wissen nicht auf vollkommenste Weise, da er sich nicht dem Studium der Schriften widmete, durch welches Wissen in seiner Vollkommenheit erworben wird; denn es heißt (Joh 7,15): „Die Juden wunderten sich und sagten: Wie kennt dieser die Schriften, da er es doch nie gelernt hat?“ Daher scheint es, dass es in Christus kein erworbenes Wissen gab.
Einwand 2: Ferner kann zu dem, was voll ist, nichts hinzugefügt werden. Aber die Kraft der Seele Christi war erfüllt mit göttlich eingegossenen intelligiblen Spezies, wie oben gesagt wurde (A. 3). Daher konnten seiner Seele keine erworbenen Spezies zuwachsen.
Einwand 3: Ferner, wer bereits den Habitus des Wissens hat, erwirbt keinen neuen Habitus durch das, was er von den Sinnen empfängt (sonst wären zwei Formen derselben Art zugleich in demselben Ding); sondern der Habitus, der zuvor existierte, wird gestärkt und vermehrt. Da also Christus den Habitus des eingegossenen Wissens hatte, scheint es nicht, dass er ein neues Wissen durch das erwarb, was er durch die Sinne wahrnahm.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Hebr 5,8): „Obwohl er ... der Sohn Gottes war, lernte er Gehorsam durch das, was er litt“, d. h. „erfuhr“, sagt eine Glosse. Daher gab es in der Seele Christi ein empirisches Wissen, welches erworbenes Wissen ist.
Ich antworte darauf, dass, wie aus Artikel [1] ersichtlich ist, der menschlichen Natur, die vom Wort Gottes angenommen wurde, nichts fehlte, was Gott in unsere Natur gepflanzt hat. Nun ist es offenkundig, dass Gott in die menschliche Natur nicht nur einen passiven, sondern auch einen tätigen Verstand gepflanzt hat. Daher muss man sagen, dass es in der Seele Christi nicht bloß einen passiven, sondern auch einen tätigen Verstand gab. Wenn aber in anderen Dingen Gott und die Natur nichts vergeblich tun, wie der Philosoph sagt (De Coel. i, 31; ii, 59), so gibt es noch viel weniger in der Seele Christi etwas Vergebliches. Nun ist das, was nicht seine eigene Tätigkeit hat, nutzlos, wie in De Coel. ii, 17 gesagt wird. Die eigentliche Tätigkeit des tätigen Verstandes ist es aber, intelligible Spezies im Akt zu machen, indem er sie von den Phantasmen abstrahiert; daher heißt es (De Anima iii, 18), dass der tätige Verstand das ist, „wodurch alles aktuell gemacht wird“. Und so muss man sagen, dass es in Christus intelligible Spezies gab, die im passiven Verstand durch die Tätigkeit des tätigen Verstandes empfangen wurden – was bedeutet, dass es in ihm erworbenes Wissen gab, welches manche empirisch nennen. Und daher, obwohl ich anders geschrieben habe (Sent. iii, D, xiv, Artikel [3]; D, xviii, Artikel [3]), muss gesagt werden, dass es in Christus erworbenes Wissen gab, welches eigentlich Wissen auf menschliche Weise ist, sowohl hinsichtlich des empfangenden Subjekts als auch hinsichtlich der wirkenden Ursache. Denn solches Wissen entspringt dem tätigen Verstand Christi, der der menschlichen Seele natürlich ist. Aber das eingegossene Wissen wird der Seele aufgrund eines von oben eingegossenen Lichtes zugeschrieben, und diese Art des Erkennens ist der englischen Natur angemessen. Aber das beseligende Wissen, wodurch das Wesen Gottes selbst geschaut wird, ist Gott allein eigen und natürlich, wie in der FP, Frage [12], Artikel [4] gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 1: Da es einen zweifachen Weg gibt, Wissen zu erwerben – durch eigenes Finden und durch Belehrung –, ist der Weg des eigenen Findens der höhere, und der Weg der Belehrung ist zweitrangig. Daher heißt es (Ethic. i, 4): „Derjenige ist in der Tat der Beste, der alles durch sich selbst weiß: gut ist aber auch der, welcher dem gehorcht, der recht spricht.“ Und daher war es für Christus angemessener, ein durch eigenes Finden erworbenes Wissen zu besitzen als durch Belehrung, besonders da er dazu gegeben war, der Lehrer aller zu sein, gemäß Joel 2,23: „Freut euch im Herrn, eurem Gott, denn er hat euch einen Lehrer der Gerechtigkeit gegeben.“
Antwort auf Einwand 2: Der menschliche Geist hat zwei Beziehungen – eine zu den höheren Dingen, und in dieser Hinsicht war die Seele Christi voll des eingegossenen Wissens. Die andere Beziehung ist zu den niedrigeren Dingen, d. h. zu den Phantasmen, welche den menschlichen Geist von Natur aus kraft des tätigen Verstandes bewegen. Nun war es notwendig, dass die Seele Christi auch in dieser Hinsicht mit Wissen erfüllt wurde, nicht dass die erste Fülle für den menschlichen Geist an sich unzureichend gewesen wäre, sondern dass es ihm geziemte, auch im Hinblick auf die Phantasmen vervollkommnet zu werden.
Antwort auf Einwand 3: Erworbene und eingegossene Habitus sind nicht zusammenzurechnen; denn der Habitus des Wissens wird durch die Beziehung des menschlichen Geistes zu den Phantasmen erworben; daher kann ein anderer Habitus derselben Art nicht erneut erworben werden. Aber der Habitus des eingegossenen Wissens ist von anderer Natur, da er von oben auf die Seele herabkommt und nicht von den Phantasmen. Und daher gibt es keine Parität zwischen diesen Habitus.