III, q. 9 a. 2
Ob Christus das Wissen hatte, welches die Seligen oder Komprehensoren haben?
Quaestio 9 · Vom Wissen Christi im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass es in Christus nicht das Wissen der Seligen oder Komprehensoren gab. Denn das Wissen der Seligen ist eine Teilhabe am göttlichen Licht, gemäß Ps 35,10: „In deinem Licht schauen wir das Licht.“ Christus aber hatte kein teilhabendes Licht, sondern er hatte die Gottheit selbst, die substantiell in ihm wohnte, gemäß Kol 2,9: „Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“ Daher gab es in Christus nicht das Wissen der Seligen.
Einwand 2: Ferner macht das Wissen der Seligen diese selig, gemäß Joh 17,3: „Das ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.“ Dieser Mensch aber war selig dadurch, dass er mit Gott in der Person vereint war, gemäß Ps 64,5: „Selig ist der, den du erwählt und zu dir genommen hast.“ Daher ist es nicht notwendig, das Wissen der Seligen in ihm anzunehmen.
Einwand 3: Ferner gehört zum Menschen ein doppeltes Wissen – eines von Natur aus, eines über die Natur hinaus. Nun ist das Wissen der Seligen, das in der Schau Gottes besteht, dem Menschen nicht natürlich, sondern über seine Natur hinausgehend. In Christus aber gab es ein anderes und viel höheres übernatürliches Wissen, nämlich das göttliche Wissen. Daher bedurfte es in Christus nicht des Wissens der Seligen.
Dagegen spricht: Das Wissen der Seligen besteht in der Erkenntnis Gottes. Er aber kannte Gott vollkommen, auch als Mensch, gemäß Joh 8,55: „Ich kenne ihn und halte sein Wort.“ Daher gab es in Christus das Wissen der Seligen.
Ich antworte darauf, dass das, was in Potenz ist, durch das in den Akt überführt wird, was im Akt ist; denn das, wodurch Dinge erhitzt werden, muss selbst heiß sein. Nun ist der Mensch in Potenz zum Wissen der Seligen, welches in der Schau Gottes besteht; und er ist darauf hingeordnet wie auf ein Ziel; da das vernunftbegabte Geschöpf fähig ist zu jenem seligen Wissen, insofern es nach dem Bilde Gottes geschaffen ist. Nun werden die Menschen zu diesem Ziel der Seligkeit durch die Menschheit Christi geführt, gemäß Hebr 2,10: „Denn es geziemte ihm, um dessentwillen alle Dinge und durch den alle Dinge sind, der viele Kinder zur Herrlichkeit geführt hatte, den Urheber ihres Heils durch Leiden zu vollenden.“ Und daher war es notwendig, dass das beseligende Wissen, welches in der Schau Gottes besteht, Christus in vorzüglicher Weise zukam, da die Ursache immer wirksamer sein muss als die Wirkung.
Antwort auf Einwand 1: Die Gottheit ist mit der Menschheit Christi in der Person vereint, nicht im Wesen oder in der Natur; doch bleibt bei der Einheit der Person die Unterscheidung der Naturen bestehen. Und deshalb wird die Seele Christi, die ein Teil der menschlichen Natur ist, durch ein von der göttlichen Natur teilhabendes Licht mit dem beseligenden Wissen vervollkommnet, durch welches sie Gott im Wesen schaut.
Antwort auf Einwand 2: Durch die Union ist dieser Mensch selig mit der ungeschaffenen Seligkeit, so wie er durch die Union Gott ist; doch außer der ungeschaffenen Seligkeit war es notwendig, dass es in der menschlichen Natur Christi eine geschaffene Seligkeit gab, durch welche seine Seele im letzten Ziel der menschlichen Natur festgemacht wurde.
Antwort auf Einwand 3: Die beseligende Schau und das Wissen sind in gewisser Weise über der Natur der vernünftigen Seele, insofern sie diese nicht aus eigener Kraft erreichen kann; aber in anderer Weise entspricht es ihrer Natur, insofern sie von Natur aus dazu fähig ist, da sie zur Ähnlichkeit Gottes geschaffen ist, wie oben festgestellt. Aber das ungeschaffene Wissen ist in jeder Weise über der Natur der menschlichen Seele.