III, q. 9 a. 1
Ob Christus außer dem göttlichen Wissen noch ein anderes Wissen besaß?
Quaestio 9 · Vom Wissen Christi im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass es in Christus kein anderes Wissen gab außer dem göttlichen. Denn Wissen ist dazu notwendig, dass Dinge dadurch erkannt werden. Christus aber erkannte durch sein göttliches Wissen alle Dinge. Daher wäre jedes andere Wissen in ihm überflüssig gewesen.
Einwand 2: Ferner wird das geringere Licht vom größeren verdunkelt. Alles geschaffene Wissen aber verhält sich im Vergleich zum ungeschaffenen Wissen Gottes wie das geringere Licht zum größeren. Daher leuchtete in Christus kein anderes Wissen außer dem göttlichen.
Einwand 3: Ferner vollzog sich die Vereinigung der menschlichen Natur mit der göttlichen in der Person, wie aus Frage [2], Artikel [2] hervorgeht. Nun gibt es nach einigen in Christus ein gewisses „Wissen der Union“, durch welches Christus das, was zum Geheimnis der Menschwerdung gehört, vollkommener erkannte als jeder andere. Da also die personale Union zwei Naturen umfasst, scheint es, dass es in Christus nicht zwei Wissen gibt, sondern nur eines, das sich auf beide Naturen bezieht.
Dagegen spricht, was Ambrosius sagt (De Incarnat. vii): „Gott nahm die Vollkommenheit der menschlichen Natur im Fleische an; er nahm auf sich den Sinn des Menschen, aber nicht den aufgeblähten Sinn des Fleisches.“ Das geschaffene Wissen aber gehört zum Sinn des Menschen. Also gab es in Christus ein geschaffenes Wissen.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Frage [5]), der Sohn Gottes eine vollständige menschliche Natur angenommen hat, d. h. nicht nur einen Leib, sondern auch eine Seele, und nicht nur eine sinnliche, sondern auch eine vernünftige Seele. Und deshalb geziemte es ihm, ein geschaffenes Wissen zu haben, und zwar aus drei Gründen. Erstens wegen der Vollkommenheit der Seele. Denn die Seele, in sich betrachtet, ist in Potenz zum Erkennen der intelligiblen Dinge, da sie wie „eine Tafel ist, auf der nichts geschrieben steht“, und doch kann auf ihr geschrieben werden durch den möglichen Verstand, durch den sie alles werden kann, wie in De Anima iii, 18 gesagt wird. Was aber in Potenz ist, ist unvollkommen, wenn es nicht in den Akt überführt wird. Es war aber angemessen, dass der Sohn Gottes keine unvollkommene, sondern eine vollkommene menschliche Natur annahm, da das ganze Menschengeschlecht durch sie zur Vollkommenheit zurückgeführt werden sollte. Daher musste die Seele Christi durch ein Wissen vervollkommnet werden, welches ihre eigentliche Vollkommenheit darstellt. Und deshalb war es notwendig, dass es in Christus ein anderes Wissen außer dem göttlichen Wissen gab, andernfalls wäre die Seele Christi unvollkommener gewesen als die Seelen der übrigen Menschen. Zweitens, weil, da alles um seiner Tätigkeit willen ist, wie in De Coel. ii, 17 festgestellt wird, Christus vergeblich eine intellektive Seele gehabt hätte, wenn er nicht durch sie verstanden hätte; und dies gehört zum geschaffenen Wissen. Drittens, weil ein gewisses geschaffenes Wissen zur Natur der menschlichen Seele gehört, nämlich jenes, durch das wir von Natur aus die ersten Prinzipien erkennen; da wir hier Wissen für jede Erkenntnis des menschlichen Verstandes nehmen. Nun fehlte Christus nichts Natürliches, da er die ganze menschliche Natur annahm, wie oben festgestellt (Frage [5]). Und daher verurteilte das Sechste Konzil [*Drittes Konzil von Konstantinopel, Akt. 4] die Meinung derer, die leugneten, dass es in Christus zwei Wissen oder Weisheiten gibt.
Antwort auf Einwand 1: Christus erkannte alle Dinge mit dem göttlichen Wissen durch eine ungeschaffene Tätigkeit, welche das Wesen Gottes selbst ist; da Gottes Verstehen seine Substanz ist, wie der Philosoph beweist (Metaph. xii, text. 39). Daher konnte dieser Akt nicht der menschlichen Seele Christi angehören, da er einer anderen Natur angehört. Wenn es also kein anderes Wissen in der Seele Christi gegeben hätte, hätte sie nichts gewusst; und so wäre sie vergeblich angenommen worden, da alles um seiner Tätigkeit willen ist.
Antwort auf Einwand 2: Wenn zwei Lichter in derselben Ordnung angenommen werden, wird das geringere vom größeren verdunkelt, wie das Licht der Sonne das Licht einer Kerze verdunkelt, da beide zur Klasse der Leuchtkörper gehören. Wenn wir aber zwei Lichter annehmen, von denen eines zur Klasse der Leuchtkörper und das andere zur Klasse der erleuchteten Dinge gehört, wird das geringere Licht nicht vom größeren verdunkelt, sondern vielmehr gestärkt, wie das Licht der Luft durch das Licht der Sonne. Und auf diese Weise wird das Licht des Wissens in der Seele Christi durch das Licht des göttlichen Wissens nicht verdunkelt, sondern vielmehr erhöht, welches „das wahre Licht ist, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“, wie in Joh 1,9 geschrieben steht.
Antwort auf Einwand 3: Seitens dessen, was vereint ist, nehmen wir ein Wissen in Christus an, sowohl hinsichtlich seiner göttlichen als auch hinsichtlich seiner menschlichen Natur; so dass aufgrund der Union, durch die es eine Hypostase von Gott und Mensch gibt, die Dinge Gottes dem Menschen und die Dinge des Menschen Gott zugeschrieben werden, wie oben gesagt wurde (Frage [3], Artikel [1], 6). Aber seitens der Union selbst können wir kein Wissen in Christus zulassen. Denn diese Union ist im personalen Sein, und Wissen gehört der Person nur aufgrund einer Natur an.