III, q. 9 a. 3
Ob Christus ein eingeprägtes oder eingegossenes Wissen hatte?
Quaestio 9 · Vom Wissen Christi im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass es in Christus kein anderes eingegossenes Wissen außer dem beseligenden Wissen gab. Denn alles andere Wissen verhält sich im Vergleich zum beseligenden Wissen wie das Unvollkommene zum Vollkommenen. Aber unvollkommenes Wissen wird durch die Gegenwart des vollkommenen Wissens beseitigt, wie die klare Schau „von Angesicht zu Angesicht“ die rätselhafte Schau des Glaubens beseitigt, wie aus 1 Kor 13,10.12 ersichtlich ist. Da es also in Christus das beseligende Wissen gab, wie oben festgestellt (Artikel [2]), scheint es, dass es kein anderes eingeprägtes Wissen geben konnte.
Einwand 2: Ferner disponiert eine unvollkommene Art der Erkenntnis zu einer vollkommeneren, wie die Meinung, das Ergebnis dialektischer Syllogismen, zur Wissenschaft disponiert, die aus demonstrativen Syllogismen resultiert. Nun ist, wenn die Vollkommenheit erreicht ist, die Disposition nicht mehr notwendig, so wie beim Erreichen des Ziels die Bewegung nicht mehr notwendig ist. Da also jede geschaffene Erkenntnis zur beseligenden Erkenntnis verglichen wird wie das Unvollkommene zum Vollkommenen und wie die Disposition zu ihrem Ziel, scheint es, dass es für Christus, da er das beseligende Wissen hatte, nicht notwendig war, irgendein anderes Wissen zu haben.
Einwand 3: Ferner, wie die körperliche Materie in Potenz zu den sinnlichen Formen ist, so ist der mögliche Verstand in Potenz zu den intelligiblen Formen. Nun kann die körperliche Materie nicht zwei Formen zugleich empfangen, eine vollkommenere und die andere weniger vollkommen. Daher kann auch die Seele nicht ein doppeltes Wissen zugleich empfangen, eines vollkommener und das andere weniger vollkommen; und daraus folgt derselbe Schluss wie oben.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Kol 2,3), dass in Christus „alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind.“
Ich antworte darauf, dass es, wie oben festgestellt (Artikel [1]), angemessen war, dass die vom Wort Gottes angenommene menschliche Natur nicht unvollkommen sei. Nun ist alles, was in Potenz ist, unvollkommen, wenn es nicht in den Akt überführt wird. Aber der passive Verstand des Menschen ist in Potenz zu allen intelligiblen Dingen, und er wird in den Akt überführt durch intelligible Spezies, welche seine vervollständigenden Formen sind, wie aus dem ersichtlich ist, was in De Anima iii, 32,38 gesagt wird. Und daher müssen wir in der Seele Christi ein eingegossenes Wissen annehmen, insofern das Wort Gottes der Seele Christi, die personal mit ihm vereint ist, intelligible Spezies aller Dinge einprägte, zu denen der mögliche Verstand in Potenz ist; so wie am Anfang der Schöpfung der Dinge das Wort Gottes dem englischen Geist intelligible Spezies einprägte, wie aus Augustinus (Gen. ad lit. ii, 8) hervorgeht. Und deshalb, so wie es bei den Engeln nach Augustinus (Gen. ad lit. iv, 22,24,30) ein doppeltes Wissen gibt – eines die Morgenerkenntnis, wodurch sie die Dinge im Wort erkennen; das andere die Abenderkenntnis, wodurch sie die Dinge in ihrer eigenen Natur durch eingegossene Spezies erkennen; so gibt es gleichermaßen außer dem göttlichen und ungeschaffenen Wissen in Christus in seiner Seele ein beseligendes Wissen, wodurch er das Wort und die Dinge im Wort erkennt; und ein eingegossenes oder eingeprägtes Wissen, wodurch er die Dinge in ihrer eigenen Natur durch intelligible Spezies erkennt, die dem menschlichen Geist angemessen sind.
Antwort auf Einwand 1: Die unvollkommene Schau des Glaubens ist der offensichtlichen Schau wesentlich entgegengesetzt, da es zum Wesen des Glaubens gehört, sich auf das Ungesehene zu beziehen, wie oben gesagt wurde (SS, Frage [1], Artikel [4]). Aber die Erkenntnis durch eingegossene Spezies schließt keinen Gegensatz zur beseligenden Erkenntnis ein. Daher gibt es keine Parität.
Antwort auf Einwand 2: Disposition wird auf zwei Weisen auf die Vollkommenheit bezogen: erstens als ein Weg, der zur Vollkommenheit führt; zweitens als eine Wirkung, die aus der Vollkommenheit hervorgeht; so wird die Materie durch Hitze disponiert, die Form des Feuers zu empfangen, und wenn diese kommt, hört die Hitze nicht auf, sondern bleibt als eine Wirkung dieser Form. So ist auch die Meinung, die durch einen dialektischen Syllogismus verursacht wird, ein Weg zum Wissen, das durch Beweisführung erworben wird; doch wenn dieses erworben ist, kann das durch den dialektischen Syllogismus gewonnene Wissen immer noch bleiben, gleichsam dem demonstrativen Wissen folgend, das auf der Ursache beruht, da derjenige, der die Ursache kennt, dadurch besser befähigt ist, die wahrscheinlichen Zeichen zu verstehen, von denen dialektische Syllogismen ausgehen. So bleibt gleichermaßen in Christus zusammen mit dem beseligenden Wissen das eingegossene Wissen bestehen, nicht als ein Weg zur Seligkeit, sondern als durch die Seligkeit gestärkt.
Antwort auf Einwand 3: Das beseligende Wissen geschieht nicht durch eine Spezies, das heißt ein Abbild des göttlichen Wesens oder dessen, was im göttlichen Wesen erkannt wird, wie aus dem ersichtlich ist, was in der FP, Frage [12], Artikel [2] gesagt wurde; sondern es ist ein Wissen des göttlichen Wesens unmittelbar, insofern das göttliche Wesen selbst mit dem beseligten Geist vereint ist als ein Intelligibles mit einem intelligenten Wesen; und das göttliche Wesen ist eine Form, die das Fassungsvermögen jedes Geschöpfes übersteigt. Daher hindert nichts daran, dass zusammen mit dieser überragenden Form im vernünftigen Geist intelligible Spezies sind, die seiner Natur angemessen sind.