III, q. 70 a. 1
Ob die Beschneidung eine Vorbereitung auf die Taufe und ein Vorbild derselben war?
Quaestio 70 · Von der Beschneidung
1. Einwand: Es scheint, dass die Beschneidung keine Vorbereitung auf die Taufe und kein Vorbild derselben war. Denn jedes Vorbild hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, was es vorausschattet. Die Beschneidung hat aber keine Ähnlichkeit mit der Taufe. Daher scheint es, dass sie keine Vorbereitung auf die Taufe und kein Vorbild derselben war.
2. Einwand: Ferner sagt der Apostel über die Väter der Vorzeit (1 Kor 10,2), dass „alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer“; nicht aber, dass sie in der Beschneidung getauft wurden. Daher waren eher die schützende Wolkensäule und der Durchzug durch das Rote Meer eine Vorbereitung auf die Taufe und ein Vorbild derselben als die Beschneidung.
3. Einwand: Ferner wurde oben dargelegt (Quaestio 38, Artikel 1 und 3), dass die Taufe des Johannes eine Vorbereitung auf die Taufe Christi war. Wenn folglich die Beschneidung eine Vorbereitung auf die Taufe Christi und ein Vorbild derselben war, so scheint es, dass die Taufe des Johannes überflüssig war; was unziemlich ist. Daher war die Beschneidung keine Vorbereitung auf die Taufe und kein Vorbild derselben.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Kol 2,11.12): „In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht von Menschenhand geschieht, durch das Ablegen des fleischlichen Leibes, in der Beschneidung Christi, mit ihm begraben in der Taufe.“
Ich antworte darauf, dass die Taufe das Sakrament des Glaubens genannt wird; insofern nämlich, als der Mensch in der Taufe ein Glaubensbekenntnis ablegt und durch die Taufe der Gemeinschaft der Gläubigen eingegliedert wird. Nun ist unser Glaube derselbe wie der der Väter der Vorzeit, gemäß dem Apostel (2 Kor 4,13): „Da wir aber denselben Geist des Glaubens haben ... so glauben auch wir.“ Die Beschneidung aber war eine Bezeugung des Glaubens; weshalb durch die Beschneidung auch die Menschen der Vorzeit dem Leib der Gläubigen eingegliedert wurden. Folglich ist es offenkundig, dass die Beschneidung eine Vorbereitung auf die Taufe und ein Vorbild derselben war, insofern den Vätern der Vorzeit „alles vorbildhaft widerfuhr“ (1 Kor 10,11); so wie auch ihr Glaube auf das Zukünftige gerichtet war.
Antwort auf den 1. Einwand: Die Beschneidung war der Taufe ähnlich hinsichtlich der geistlichen Wirkung der letzteren. Denn so wie die Beschneidung ein fleischliches Häutchen entfernte, so entkleidet die Taufe den Menschen des fleischlichen Wandels.
Antwort auf den 2. Einwand: Die schützende Wolkensäule und der Durchzug durch das Rote Meer waren in der Tat Vorbilder unserer Taufe, durch die wir wiedergeboren werden aus dem Wasser, welches durch das Rote Meer bezeichnet wurde, und aus dem Heiligen Geist, welcher durch die Wolkensäule bezeichnet wurde: doch legte der Mensch durch diese Dinge kein Glaubensbekenntnis ab, wie durch die Beschneidung; so dass diese beiden Dinge Vorbilder, aber keine Sakramente waren. Die Beschneidung aber war ein Sakrament und eine Vorbereitung auf die Taufe; wenngleich sie hinsichtlich des Äußeren weniger deutlich ein Vorbild der Taufe war als die vorgenannten Dinge. Und aus diesem Grund erwähnt der Apostel jene eher als die Beschneidung.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Taufe des Johannes war eine Vorbereitung auf die Taufe Christi hinsichtlich der vollzogenen Handlung: die Beschneidung aber hinsichtlich des Glaubensbekenntnisses, welches in der Taufe erforderlich ist, wie oben dargelegt.